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Gesundheitspolitik
Ein weiteres mehr als spannendes Thema. Während regionaler Wahlkämpfe hielt sich die Bundespolitik mit schlimmen Sachen freundlich zurück. Nun toben die Fußballschlachten und in den Hinterzimmern der Macht tagen die Politiker über einer sogenannten "Gesundheitsreform", die sie bis zu den Parlamentsferiene fertig haben wollen. Schon jetzt zeichnet sich ab, das es wie bei Hartz IV nicht um wirkliche Verbesserungen für die Betroffenen geht, sondern um die Finanzierung der Bestandswahrung der Nutzniesser im System. Wobei weitgehend egal scheint, was es den Bürger kosten wird.
Es geht um eine Branche, in der jährlich mehr als 240 Milliarden Euro umgesetzt werden und die mehr als vier Millionen Menschen Arbeit gibt. Dieser „Gesundheitsmarkt”, auf dem die meisten Beziehungen und Preise staatlich reguliert sind (aber die wichtigsten nicht), wird weiter wachsen. Denn neue Behandlungsmethoden und Arzneien sind teuer. Zudem werden die Menschen mehr davon konsumieren, weil sie älter werden. Deshalb dürften die Ausgaben auch künftig steigen.
Aber wie es scheint, geht es aktuell darum: Hauptsache, die Arbeitgeber werden entlastet (Festschreibung des Arbeitgeberanteils), bei den wirklichen Nutzniessern bleibt alles wie es ist, der Bürger bekommt weniger Leistung und darf mehr bezahlen, wobei das auch in die Zukunft gerichtet ist. So in etwa das Kaudersche "Fondsmodell" (welcher Nutzniesser hat ihm das nur in die Tasche gesteckt? - da würde ein Herr Kauder nie von selber drauf kommen!), welches sich im wesentlichen um die Geldbeschaffung in das krank gemachte System kümmert (die anderen Modelle sind aber auch nicht viel besser). Die Pharmaindustrie mit exorbitant überhöhten Preisen (Arzneimittelpreise sind in Deutschland um Faktor 2 bis 3 teurer als im EU-Umfeld) wird nicht angetastet, die teure Gerätemedizin (Anwendung ebenfalls um Grössenordnungen über dem EU-Durchschnitt) ebenfalls nicht. Nirgends auf der Welt wird soviel mit diversen teuren Tomographen gearbeitet wie in Deutschland. Von insgesamt 65 Milliarden Klinikkosten bezahlen die gesetzlichen Kassen rund 48 Milliarden.
Der Präsident der Bundesärztekammer, Prof. Dr. Jörg-Dietrich Hoppe meint dazu am 18.06.06 unter anderem: Versicherungsfremde Leistungen und die Quersubventionierung anderer Sozialversicherungszweige belasten die gesetzliche Krankenversicherung jährlich in zweistelliger Milliardenhöhe. Allein durch die sogenannten Hartz-Gesetze erhöhen sich die Defizite der GKV um jährlich 3,6 Mrd. Euro, und durch die Rücknahme des Bundeszuschusses zur Finanzierung versicherungsfremder Leistungen entzieht der Bundesfinanzminister dem GKV-System 4,2 Mrd. Euro.
Hintergrundinformationen Im Rahmen eines Seminars "Zukunft der Gesundheitsversorgung" hat Hartmut Reiners (Leiter des Referats Krankenversicherung im Gesundheitsministerium des Landes Brandenburg) 2004 bereits 10 Thesen aufgestellt, die auch 2006 zu Zeiten der aktuell diskutierten "Gesundheitsreform" mit Fondsmodell, Kopfgeldern, herauslösen privater Unfälle in Haushalt und Sport nach wie vor Ihre Gültigkeit beweisen und vor allem auch klarstellen,
wie Politik und Wirtschaft die zahlenden Bürger über die anstehende Reform wieder belügen und betrügen wollen. Hier der vollständige kritische Text: Privatisierung der Absicherung von Krankheitsrisiken - Probleme und Grenzen PDF-Datei, 200 KB.
Gesundheitssystem in Deutschland
Dieser Brief wurde am 6.2.2008 als öffentlicher Brief in diversen Ärzte-Newslettern verschickt. (Er wird an einigen Stellen schon als das “Döllein-Dossier” oder als “Döllein-Brief” aufgeführt). Hintergrund war der Protesttag der bayerischen Kassenärzte gegen die Kassenärztliche Vereinigung und ihrem damit verbundenen KV-Ausstieg.
Was wirklich passiert
Ich bin 38 Jahre alt und Allgemeinarzt mit einer gut gehenden Hausarztpraxis in Neuötting, Oberbayern, [HP] geistig gesund und ein völlig normaler Bürger mit einer Lebensgefährtin und einem 15 Monate altem Sohn, bin seit 12 Jahren Gemeinderat und seit sechs Jahren Kreisrat der CSU, einer Partei, die sicherlich weit entfernt ist vom Ruf, linkspolitische und revolutionäre Gedanken zu pflegen. Es ist nicht meine Aufgabe, solche Texte zu schreiben und es gibt in Deutschland Tausende, die dies besser, packender und erheblich vollständiger schaffen und wenigstens einer von denen sollte das auch tun.
Ich bin von tiefstem Herzen Demokrat und, wie mir in den letzten Tagen bewusst geworden ist, ein hoffnungsloser Idealist. Ich habe nicht mehr gemacht, als mir selbst die Frage zu beantworten, warum wir niedergelassenen Ärzte, Hausärzte und Fachärzte aussterben sollen, obwohl sich an der Charakteristik unseres Berufes und der Faszination für die nachfolgende Generation nichts geändert hat; der Wunsch dazu kam mit Sicherheit nicht aus der Bevölkerung, nicht von unseren Patienten.
Dass wir zu teuer sind, kann man wirklich nicht behaupten und wertlos sind wir erst recht nicht, denn mit jedem Krankenhaustag, den wir durch unsere Arbeit vermeiden können, helfen wir den Krankenkassen sparen. Weiterlesen bei Pelastop.de ...
Was derzeit wirklich passiert, Teil II
Die zahllosen Antworten und die überwältigende Unterstützung als Reaktion auf meinen ersten Text haben mir klar gemacht, dass ich mit meinem Empfinden so weit nicht weg bin von der tatsächlichen Entwicklung in unserem Land und den echten Sorgen unserer Bürger. Die Grundhaltung, diesen zweiten Teil zu schreiben, ist eine gänzlich andere als beim ersten Mal [hier ]: Wenn es Anfang Februar 2008 noch so war, dass ich mir eine Türe aufgeschlossen habe und panikartig eine erste Meldung an alle Betroffenen ausrufen wollte, so sitze ich nun seit Wochen starr vor dem gesamten Blick in einen Raum, den ich nicht vollständig beschreiben kann. Seit Wochen weiß ich, dass ich diesen Text verfassen muss, aber während ich im Bezug auf unser Gesundheitswesen noch relativ klar die paar Fakten ordnen konnte, fällt es mir umso schwerer, Struktur in die Ausmaße der Entdemokratisierung in Deutschland zu bekommen.
Ein gewogener Journalist hatte den Umfang meines ersten Textes kritisiert: Die Menschen könnten einfach keine längeren Schriftstücke mehr lesen, sondern würden plakative kurze Schlagworte benötigen, um sich einen Überblick zu verschaffen. Nun, ich glaube, es wird uns allen in Zukunft nicht erspart bleiben, wieder mehr zu lesen, wenn wir verstehen wollen, was in Deutschland, in Europa und in der Welt derzeit passiert und auch dieser Aufsatz ist wieder lang. Für die Querleser trotzdem eine kurze Zusammenfassung:
1. Die Grundstruktur unseres Landes wurde und wird komplett verändert. An die Stelle einer sozialen Marktwirtschaft tritt die Politik des Sozialdarwinismus [Wikipedia ], der die Schwachen noch schwächer und die Starken noch stärker machen soll.
2. Die im Grundgesetz verankerte parlamentarische Demokratie [Wikipedia] bleibt wie eine Fassade davor stehen und dient allein dazu, den Strukturwandel unseres Landes zu überwachen und Verstöße zu verfolgen. Dem einzelnen Bürger dient sie immer weniger.
3. Die selbsternannten Eliten unseres Landes bestimmen diese Veränderung über mächtigen Lobbyismus, der in allen Bundesministerien zuhause ist, der die wenigen politischen Entscheidungsträger konsequent führt oder bei Zuwiderhandlung zerstört. Viele Lobbyisten arbeiten direkt als „Leihbeamte“ in allen Ministerien und stellen die Weichen für ihre Arbeitgeber.
4. Das Ziel ist die komplette Vermarktung des Bürgers sowie dessen Kontrolle in allen Lebensphasen und die Umwandlung zu einem gefügigen Angestellten der Firma Deutschland.
5. Soziale Wärme, Solidarität und Gerechtigkeit werden als Hemmnis dieser Entwicklung verstanden und sollen zerstört werden.
6. Diese Politik betrifft nicht nur Deutschland, auch wenn wir es wieder am perfektesten veranstalten, sondern die ganze Welt und sie drückt aus, was wirklich unter dem Begriff der „Globalisierung“ zu verstehen ist.
Sie sehen, dass ich mich eigentlich sehr weit von der Kritik an unserem Gesundheitswesen wegbewege, weil ich erkannt habe, dass es nichts bringt, langwierig über den Juckreiz zu diskutieren, wenn ein Patient eigentlich Lepra hat. Trotzdem werde ich nachher noch einiges über „unser“ Symptom schreiben, damit Ihnen die Einordnung vieler Dinge leichter fällt. Es ist an der Zeit, dass ein Berufsstand wie der des Arztes, der Tag für Tag eine große Verantwortung für Leib und Leben seiner Patienten übernimmt, anfangen muss, auch wieder politischer zu denken, wenn er seinem Auftrag gerecht werden will.
In zahlreichen Emails und Briefen wurde ich gefragt, ob ich nicht der CSU den Rücken kehren wolle, wo ich doch solche „linke“ Ansichten verkörpere und Mitglied einer Partei sei, die den Machtverfall der Politik so aktiv vorangetrieben habe. Zuallererst muss ich dazu Horst Seehofer [HP , Wikipedia ] zitieren, der gesagt hat, sozial denken habe nichts mit links oder rechts zu tun, sondern nur mit vernünftig denken.
Zum anderen bin ich sowohl christlich, als auch sozial und überdies durchaus wertkonservativ.
Ich fühle mich nicht unwohl in meiner Partei und nach meinem Text wurde ich auch in keiner Weise geschnitten oder gebrandmarkt. Die Thematik, mit der ich mich beschäftige, ist verbindlich für jeden Menschen demokratischer Gesinnung und muss uns allen als Anstoß zur Diskussion dienen.
Es wäre zu leicht, einer einzelnen Partei die Verantwortung zu geben, an den massiven gesellschaftlichen Veränderungen. Glauben Sie mir, in Bezug auf den Ausverkauf unseres Landes, hat sich keine der großen Volksparteien mit Ruhm bekleckert: Es war die Regierung Helmut Kohl, die das kommerzialisierte Fernsehen einführte und damit den Neoliberalismus Boden gewinnen ließ,
es war die Regierung Schröder [Wikipedia ], die dieser menschenverachtenden Denkweise u.a. durch die Agenda 2010 [Wikipedia ] institutionelle Gewalt gab und nun macht eben die große Koalition unter der Kanzlerin Angela Merkel [HP , Wikipedia ] weiter damit,
indem sie die Privatisierung auf Lebensbereiche ausdehnt, die eigentlich des staatlichen Schutzes bedürfen.
Auch die Grünen haben spätestens durch Oswald Metzger [HP , Wikipedia ] als Berater der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft [HP , Wikipedia ] und durch Joschka Fischer [Wikipedia ] ihren Schafwollpullover mit dem Nadelstreifenanzug getauscht.
Ich bin ohnehin überzeugt davon, dass es den Drahtziehern der deutschen Wirtschaft letztendlich völlig egal ist, wer unter ihnen Kanzler ist, denn salopp formuliert, sitzen alle vermeintlichen Entscheidungsträger gemeinsam im Warenkörbchen der neoliberalen Wirtschaftsführer.
Es gab in den letzten Wochen viel wichtiges zu lesen für mich: Angefangen mit den wenigen Werken über Bertelsmann [Amazon ] und die Mohns [und ähnliche bei Amazon ],
dann habe ich mich intensiver mit dem Neoliberalismus [Wikipedia ] und einem seiner Begründer F.A. von Hayek [Wikipedia ] befasst, der für diese „Glaubensrichtung“ sogar den Nobelpreis bekommen hat. Ich habe „Die Reformlüge“ und „Machtwahn“ von Albrecht Müller [Autor der Nachdenkseiten ,
4 Bücher von ihm bei Amazon ] gelesen, sehr beeindruckend fand ich „Der Deutschlandclan“ von Jürgen Roth [Amazon , bzw. HP ] und schlussendlich war „Der gekaufte Staat“ von Adamek/Otto [Amazon ] die beste Erklärung für die aktuellen Vorgänge.
Daraus ergab sich für mich ein vorerst schlüssiges Bild, das ich Ihnen mit diesem neuen Text vermitteln möchte. Verstehen Sie meine Argumente und Hinweise wie beim ersten Mal bitte nur als Anstoß, sich selbst ein Bild zu machen und über meine Ergebnisse zu diskutieren. Glauben Sie mir nicht einfach, was ich schreibe, sondern bohren Sie selbst nach. Denn gerade darin sehe ich eine der entscheidenden Möglichkeiten, unsere Politik zum Einlenken zu bewegen, indem wir mit den einzelnen Entscheidungsträgern vor Ort ein Gespräch führen über die Situation in unserem Land, über das Empfinden der Bürger.
Beurteilen Sie die Politiker nach ihrem Menschenbild und nach deren Auffassung vom Staat. Resignation und Politikverdrossenheit sind schlicht und ergreifend von unseren Medien und der volksfremden Politik der Konzerne verursacht und düngen den Boden, auf dem der schleichende Umbau unseres Landes entstehen kann. Und den meisten Amtsinhabern sind die Verhältnisse hinter den Kulissen wirklich kaum bekannt. weiterlesen bei Pelastop.de ...
Zwei wirklich sehr intensive und in die Tiefe gehende Berichte (die hier nur in kurzen Auszügen dargestellt sind), die klar zeigen, wie es in Deutschland - und natürlich auch in der EU - abläuft. Zu unser aller Lasten.
Hinweis: Über den Link der Artikelüberschrift gelangen Sie zum vollständigen Originaltext der jeweiligen Quelle.
Die Auseinandersetzung um die Digitalisierung des Gesundheitswesens (jk/c't) in Heise Online vom 21.02.07
Einführung und Linksammlung rund um das Thema Gesundheitskarte und die sich daraus abzeichnenden Folgen
Ärzte drohen mit Ausstieg aus dem Gesundheitskartenprojekt (Detlef Borchers)/(jk/c't) in Heise Online vom 09.05.07
In einer gemeinsamen Erklärung haben sich alle wichtigen Arztorganisationen im Vorfeld des Deutschen Ärztetages kritisch zur Einführung der elektronischen Gesundheitskarte (eGK) geäußert. Der Berufsverband Deutscher Internisten, die Bundesärztekammer, der Deutsche Hausärzteverband, die Gemeinschaft der Fachärztlichen Berufsverbände,
die Kassenärztliche Bundesvereinigung, der Marburger Bund, Hartmannbund und NAV-Virchow-Bund drohen mit dem Ausstieg der Ärzte aus dem Projekt, wenn den Ärzten nicht die gesamten Kosten für die Einführung der elektronischen Gesundheitskarte vergütet werden. Außerdem fordern die Verbände von der Projektgesellschaft Gematik, "eine umfassende, gleichwohl für technische Laien verständliche Gesamtbeschreibung der bis jetzt konzipierten technischen Lösungen und besonders der Sicherheitskonzepte zu erstellen".
Besonders stören sich die Ärzte daran, dass mit der eGK und der Einführung des elektronischen Rezeptes nur administrative Verwaltungsprozesse der Krankenkassen gelöst würden und die Karte keinen Nutzen für Ärzte wie Patienten habe.
Daher enthält die gemeinsame Erklärung auch die Forderung nach einem deutlichen Nutzwert für Ärzte: "Wenn nicht von Beginn an der sichere elektronische Datenaustausch der Ärztinnen und Ärzte untereinander ermöglicht wird, ist ein Anschluss von Arztpraxen an die Telematikinfrastruktur nicht sinnvoll und wird keine Akzeptanz finden."
Staatlich erlaubt: Gift im Gemüse Thorsten Stegemann in Telepolis vom 07.02.07
Die Bundesregierung hat fast 300 Grenzwerte für Pestizide angehoben und sich im Kompetenzgerangel der eigenen Behörden verfangen
Auszug: Beim Bundesinstitut für Risikobewertung gelten strenge Richtlinien.
Um die Verbraucher vor "potenziell gesundheitsschädlichen Stoffen", beispielsweise vor Pflanzenschutzmittelrückständen in Lebensmitteln, zu schützen, legt die staatliche Prüfbehörde gemeinsam mit der Weltgesundheitsorganisation (WHO ) sogenannte Rückstandshöchstmengen fest.
Wenn diese Werte überschritten werden, bedeutet das nicht automatisch eine Gefährdung der Konsumenten, da sie selbstredend immer geringer veranschlagt werden als die vermutete gesundheitsschädliche Dosis. Doch Vorsicht ist allemal angebracht, so dass Lebensmittel, welche die festgesetzten Höchstmengen überschreiten, in Deutschland eigentlich nicht mehr verkauft werden dürften.
Das klingt beruhigend, bedeutet in der Praxis aber wenig bis gar nichts. Denn das Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz sowie die Lebensmittelüberwachungen der Bundesländer halten sich in vielen Fällen nicht an diese Vorgabe, sondern legen eigene und mitunter deutlich höhere Grenzwerte fest.
Gesundheitsreform: Sieg der Lobbyisten Peter Nowak in Telepolis vom 27.01.2007 Im Streit um die Gesundheitsreform wurden viele der sozialen Elemente wieder rückgängig gemacht
Das monatelange Gezerre um die von den Koalitionsparteien eigentlich schon beschlossene Gesundheitsreform war auch ein Kampf der Lobbyisten hinter den Kulissen. Vor allem die wirtschaftsnahe Initiative Soziale Marktwirtschaft war dabei recht erfolgreich.
Eine von ihr in Auftrag gegebene Studie, die in der Öffentlichkeit meist nur als Studie eines Kieler Wissenschaftsinstituts bezeichnet wurde, war für Teile der Unionsparteien die Steilvorlage zum Angriff auf die Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD) und den gesundheitspolitischen Sprecher Karl Lauterbach .
Die Medizinsoziologin Nadja Rakowitz ist Geschäftsstellenleiterin des Vereins Demokratischer Ärztinnen und Ärzten und sieht die Diskussion um die Gesundheitsreform als Teil einer Auseinandersetzung über die Zukunft des Gesundheitssystems in Deutschland.
Abgeordnete protestieren gegen Gesundheitsreform Timo Pache in Financial Times Deutschland vom 31.01.2007
Mit über 50 Gegenstimmen haben die Kritiker von Union und SPD noch einmal ihren Widerstand gegen die geplante Gesundheitsreform in den Bundestagsfraktionen demonstriert. Allein bei CDU und CSU votierten 23 Bundestagsabgeordnete gegen das Projekt, drei enthielten sich.
Auszug: Die Spitzenverbände der gesetzlichen Krankenkassen appellierten daher am Dienstag noch einmal an die Bundestagsabgeordneten, die Reform am Freitag abzulehnen. "Die finanziellen Probleme werden nicht gelöst, die Versicherten werden stärker belastet, es gibt weniger Wettbewerb, es entstehen mehr Bürokratie und Staatsmedizin", heißt es in einer gemeinsamen Erklärung der Kassenverbände.
Gesetzentwurf zur Gesundheitsreform: Verbände wollen Anhörung platzen lassen in Tageschau.de vom 13.10.2006 Zahlreiche große Verbände aus dem Gesundheitswesen wollen die geplante Anhörung der Bundesregierung zur Gesundheitsreform platzen lassen. Die Spitzenorganisationen der gesetzlichen und privaten Krankenkassen, der Krankenhäuser, Ärzte und Zahnärzte kündigten an, die Einladung für den kommenden Montag ausschlagen.
Die 94 Verbände des Gesundheitswesens, der Wirtschaft und Arbeitnehmer sind für Montag zur Anhörung über den Referentenentwurf zur Gesundheitsreform von der Bundesregierung geladen. Das Kabinett kann allerdings auch ohne Anhörung wie geplant entscheiden.
Gesundheitsreform: "Zentrale Punkte nicht verfassungsgemäß" (nz) in n24 Online vom 06.10.2006 Nach der Einigung der Großen Koalition bei der Gesundheitsreform hat der Präsident des Berliner Verfassungsgerichts, Helge Sodan, Bedenken an der Verfassungsmäßigkeit der Pläne geäußert. "Ich bin der Überzeugung, dass zentrale Punkte nicht mit dem Grundgesetz vereinbar sind", sagte Sodan, der "Thüringer Allgemeinen".
Gesundheitsreform: Verstehen muss man das nicht Angela Gareis in Westdeutsche Allgemeine Zeitung vom 05.10.2006
Auszug: Am Tag der "revolutionären Neuregelung" (Peter Struck), also drei Monate nach dem "wirklichen Durchbruch" (Angela Merkel), müssen Bürger überhaupt nicht mehr verstehen, was die Koalition an Erklärungen verbricht.
Allerdings hätte die Kanzlerin die Angelegenheit in groben Zügen erhellen können. Ungefähr so: Wir können uns nicht einigen, weil es weniger um die Reform geht als vielmehr um den Seelenfrieden der Koalitionsparteien, die Selbstrettung dieser Regierung sowie um die Landtagswahlen in Bayern und drei CDU-geführten Ländern im Jahr 2008.
Deshalb verschieben wir den wichtigen Gesundheitsfonds, der uns inzwischen gar nicht mehr so wichtig vorkommt, auf das Jahr 2009. Dann ist Bundestagswahlkampf. Dann tritt die SPD mit einer Art Bürgerversicherung an, die CDU mit meiner Gesundheitsprämie, und die CSU muss sich etwas einfallen lassen. Und ihr Bürger dürft bloß nicht wieder eine große Koalition zusammenwählen.
Hätte Merkel sagen können, und hoffen: Aber so blöd werdet ihr nicht sein.
Opposition zerpflückt Kompromiss in Focus Online vom 05.10.2006 Die große Koalition versucht, ihren mühsam ausgehandelten Gesundheitskompromiss positiv zu verkaufen. Opposition und Kassen lassen dagegen kein gutes Haar an den nächtlichen Beschlüssen.
Auszug: Grünen-Chef Reinhard Bütikofer nannte die Einigung eine „Verhohnepiepelung“ der Wähler. In der ARD sagte er: „Es hat mit Handlungsfähigkeit überhaupt nichts zu tun, wenn man um jeden Preis an einem faulen, vermurksten Kompromiss festhält.“
Nach dem Kompromiss ist vor dem Streit von Kai Beller in Financial Times Deutschland vom 05.10.2006 Die mit viel Tamtam versprochene Gesundheitsreform siecht auch nach der Einigung in der Koalitionsrunde im Endlosstreit dahin. Mit der Verschiebung des Gesundheitsfonds ist der Streit nur vertagt und nicht gelöst.
Auszug: Sinn und Zweck der Reform sind längst in den Hintergrund getreten. Man erinnere sich, dass Union und SPD mit dem Anspruch angetreten waren, die Sozialbeiträge und Arbeitskosten zu entlasten. Stattdessen werden nun zum 1. Januar 2007 die Krankenkassenbeiträge erhöht. Die Koalition wollte auch die Probleme des Gesundheitswesens mit der älter werdenden Bevölkerung angehen. Auch davon ist nichts übrig geblieben.
Gesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD) verteidigt die Reform trotzdem als großen Wurf. Warum aber wird dann der Starttermin für das Kernstück der Reform - der Gesundheitsfonds - auf die Zeit nach den Landtagswahlen in Bayern, Hamburg, Hessen und Niedersachsen verschoben? Auf den neuen Termin 2009 fällt bereits jetzt der Schatten der Bundestagswahl.
Vernichtende Kritik an Gesundheitskompromiss in Financial Times Deutschland vom 05.10.2006 Der Gesundheitskompromiss der großen Koalition wird auf breiter Front kritisiert. Gewerkschaften, Krankenkassen und die Pharmaindustrie sind unzufrieden. Aber auch innerhalb des Regierungslagers scheint der Streit weiterzuschwelen.
Gesundheitsreform: Aus den Fugen geraten von Tina Hildebrandt und Bernd Ulrich in Die Zeit vom 28.09.2006 Die Gesundheitsreform droht, das politische System der Bundesrepublik zu überfordern. Niemand will die Kanzlerin stürzen, aber alle spüren: Etwas kippt.
Anmerkung: Exzellent gezeichneter Situationsbericht über die aktuelle Lage. Wirklich lesenswert. Nur stellt sich die Frage: Wie löst sich das Dilemma wieder auf?
- Gesundheitsreform: Die Union ganz unten
von Margarete van Ackeren in Rheinische Post im Presse Portal vom 25.09.2006
Man muss nicht lange philosophieren und grübeln, um die Probleme der Union zu finden: Sie sind zum überwiegenden Teil hausgemacht.
Dass sie sich in den Umfragen im Keller befindet und von einzelnen Instituten sogar niedriger taxiert wird als die SPD, hat sie sich selbst zuzuschreiben. Viele Ministerpräsidenten benehmen sich wie der Gockel auf dem Hühnerhof. Sie haben allesamt reichlich Chancen, Gesetze zu beeinflussen: in den Gremien der Partei oder auch im Bundesrat und in diversen Abstimmungsgesprächen zwischendurch.
Wenn aber Edmund Stoiber sämtliche Probleme der Gesundheitsreform öffentlich austrägt und sich dabei als Oberlehrer der Nation aufspielt, nährt dies Demokratie-Frust. Der normale Beobachter kann nämlich angesichts der wirren Manöver nicht mehr im Geringsten nachvollziehen, worum es eigentlich geht.
Zur Erinnerung: Stoiber hat nicht nur selbst den Eckpunkten der Reform zugestimmt, sondern es ist auch ein CSU-Mann, der für die Union die Gesundheits-Verhandlungen in Berlin führt. Wenn also irgendwer hinreichend Möglichkeiten hat, das Ergebnis zu beeinflussen, dann Stoiber. Vor diesem Hintergrund gibt der Bayer gerade öffentlich eine bizarre Kostprobe seiner eigenen Schwäche. Sich von dem zu distanzieren, was man selbst mit herbeigeführt hat - billiger geht's kaum.
Anmerkung: Dieser treffsicheren Beobachtung lässt sich wohl kaum etwas hinzufügen. Aber so kennen wir ja "Alpen-Edi" schon lange.
- Kampagne gegen Gesundheitsreform: Private Kassen fordern "kompletten Neuanfang"
von in Tagesschau.de vom 16.09.2006
Nach den gesetzlichen Krankenkassen drohen nun auch die privaten Krankenversicherer der Bundesregierung mit einer Kampagne gegen die Gesundheitsreform. "Wenn diese Reform so kommen sollte, wie sie sich abzeichnet, werden wir unsere Versicherten informieren und aufklären", sagte der Direktor des Verbandes der Privaten Krankenversicherung (PKV), Volker Leienbach, der Zeitung "Welt am Sonntag".
- Gesundheitsreform: Fragen Sie nicht Ihren Politiker
von Gerd Appenzeller in Der Tagesspiegel vom 13.09.2006
Auszug: Ja, es stimmt schon. Die große Koalition kann am ehesten die Gesundheitsreform schultern, sagt Wolfgang Böhmer, heute Ministerpräsident, einstmals Chefarzt, also einer, der etwas von krank und gesund versteht. Wenn das Wort Reform nur die neue Buchstabierweise für den alten Begriff Rosskur ist, dann machen das SPD und Union lieber gemeinsam, denn, nicht wahr, wer mit dabei war, kann hinterher nicht sagen, er sei es nicht gewesen. Aber bedeutet das auch, dass man zusammen etwas durchbringen muss, was fast alle Betroffenen für falsch halten, nur um überhaupt etwas getan zu haben? Von dem im Frühsommer zwischen den Koalitionspartnern gefundenen Kompromiss in Sachen Gesundheit steht bisher nur eines fest: Es wird für den Bürger teurer. Das ist nicht untypisch für diese Bundesregierung.
- Gesundheitsreform: Anfang vom Ende?
Presseschau von Katharina Schuler in Die Zeit vom 08.09.2006
Die Gesundheitsreform wird verschoben. Wie schlimm steht es um die Große Koalition? Die Presse rätselt
Auszug: Die Große Koalition mag viele gute Gründe für die Verschiebung der Gesundheitsreform haben - zumindest was das Medienecho angeht, hat sie sich damit keinen Gefallen getan. Hatte es schon zuvor mächtige Zweifel an der Handlungsfähigkeit von Schwarz-Rot gegeben, so sind diese nun abermals bestätigt worden.
- Gesundheitsreform - eine ”schamlose Abzocke” Attac in Saar Echo vom 01.08.2006
Attac fordert solidarische Bürgerversicherung für alle. Das jämmerliche Bild der SPD in der Koalition
Auszug: Berlin. ”Dieser angebliche Kompromiss ist nichts als eine schamlose Abzocke der Kranken und Versicherten”, sagte Werner Rätz, Mitglied im bundesweiten Attac-Koordinierungskeis und im Arbeitsschwerpunkt ”Genug für alle” zu den Ankündigungen der Bundesregierung für die Gesundheitsreform. ”Eine medizinische Versorgung für alle verlangt, dass deren Kosten von allen je nach ihrer finanziellen Leistungsfähigkeit getragen werden”, erklärte Dr. Arndt Dohmen, Mitarbeiter der bundesweiten Attac-AG ”Soziale Sicherungssysteme” und Chefarzt an der Hochrheinklinik in Bad Säckingen. Eine solche solidarische Bürgerversicherung setze voraus ”dass sich niemand mehr aus der Solidarität davonstehlen kann, also die Beitragsbemessungsgrenze fällt”.
- Die mediale Lobby für die Privatversicherer betreibt nun auch eine Kampagne gegen die gesetzliche Krankenversicherung.
Wolfgang Lieb in NachDenkSeiten vom 05.08.2006 Ausgerechnet unter Berufung auf die BILD-Zeitung, die ja mit den Privatversicherern kommerziell verbandelt ist, empören sich der Stern und der SPIEGEL über die angebliche „Fettsucht“ bei den gesetzlichen Krankenkassen. Die Verwaltungskosten seien von 1995 bis 2005 von 6,1 auf 8,15 Milliarden Euro auf 5,7 Prozent der Gesamtkosten gestiegen.
Tatsache ist allerdings, dass der Anteil der Verwaltungskosten seit 2002 gesunken ist und Tatsache ist auch, dass die Aufwendungen für den Versicherungsbetrieb bei den privaten Krankenversicherungen prozentual im Jahre 2001 bei 13%, also deutlich mehr als doppelt so hoch wie bei den gesetzlichen lagen.
Auszüge aus Wolfgang Liebs Bericht: Da es um eine Kampagne gegen die gesetzlichen Krankenkassen geht und nicht um Aufklärung interessiert es Stern und SPIEGEL natürlich auch nicht, dass die Aufwendungen für den Versicherungsbetrieb bei den privaten Krankenversicherungen prozentual im Jahre 2001 (neuere Zahlen liegen nicht vor) bei 13%, also deutlich mehr als doppelt so hoch wie bei den gesetzlichen liegen, und dass einschließlich der Abschlusskoten (sprich Provisionen etc.) bezogen auf den Vollversicherten pro Jahr bei rd. 366 Euro, das ist 2,3 mal so viel im Vergleich zu den gesetzlichen Kassen.
Und wenn man wirklich einen fairen Vergleich hätte anstellen wollen, dann hätte man auch noch darauf hinweisen müssen, dass die gesetzlichen Krankenkassen zusätzlich zu ihrer eigenen Verwaltung auch noch das Inkasso für die Arbeitslosen- und Rentenversicherungsbeiträge mit verwalten. Man kann also den Verwaltungsaufwand ausschließlich für die Krankenkasse bei den gesetzlichen noch deutlich niederer ansetzen.
Wer leidet also an „Fettsucht“? Die privaten Krankenversicherungen oder die gesetzlichen?
- Apotheke im Kopf
Harro Albrecht in Die Zeit vom 03.08.2006 Placebos können wie Medikamente wirken. Sie lindern Schmerz, hemmen Immunzellen oder drosseln den Puls. Was dabei im Körper vorgeht, beginnen die Mediziner jetzt erst zu verstehen.
Wie sehr Worte die Wirkung eines Medikamentes dominieren können, zeigte ein Versuch der University of Southampton. Die Mediziner teilten zweihundert leicht erkrankte Patienten in zwei Gruppen. Beide erhielten als Therapeutikum eine wirkstofflose Pille, ein Placebo also. Der ersten Gruppe aber wurde versichert, das Medikament würde sicher helfen und die Malaise bald verschwinden, die zweite erhielt nur den knappen Bescheid: »Wir wissen noch nicht sicher, was mit Ihnen los ist, aber nehmen Sie erst einmal dies.« In beiden Gruppen fühlten sich Patienten nach der Behandlung besser. In der besänftigten Gruppe waren es 64 Prozent der Probanden, in der zweiten nur 39 Prozent. Die wohltuenden Versprechen und die Zuversicht des Arztes gaben offenbar den Ausschlag darüber, wie gut das Medikament anschlug.
- Gesundheitsreform: Ministerium erbost über Kampagne der Kassen
in Financial Times Deutschland vom 18.07.2006 Die gesetzlichen Krankenkassen wollen gegen die Pläne der großen Koalition zur Gesundheitsreform vorgehen. Das Bundesgesundheitsministerium reagierte mit ungewöhnlicher Schärfe auf die von den Kassen angekündigte Kampagne.
Die gesetzlichen Krankenkassen hätten "kein allgemeinpolitisches Mandat", sondern seien als Körperschaften des öffentlichen Rechts "im weiteren Sinne Teil des Staates", sagte Ministeriumssprecher Klaus Vater. Deshalb hätten die Kassen "Entscheidungen des Gesetzgebers zu akzeptieren". Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD) erwarte, dass die Kassen "endlich alle Möglichkeiten nutzen, die Kosten zu reduzieren, statt ständig nach neuen Beitragsmitteln zu schielen".
Focus und Fakten, Fakten, Fakten. Wie immer etwas verwirrt, wird mal so mal so gemeldet - Hauptsache: populistisch und auflagenfördernd - nur echte Fakten finden sich selten:
Reformpolitik: Tücken im Detail Verena Köttker in Focus Online vom 08.07.06 - Auszüge: Die zwischen CDU/CSU und SPD ausgehandelte Gesundheitsreform beschert Arbeitgebern und Arbeitnehmern im kommenden Jahr drastisch höhere Kosten.
Die gesetzlichen Krankenkassen erwarten einen Schub bei den Beiträgen – für Arbeitnehmer bedeutet das monatliche Mehrkosten von bis zu 18 Euro. Die Bürger werden allein im kommenden Jahr mit zusätzlich fünf Milliarden Euro belastet.
Reformpolitik: Reform soll fast zwei Milliarden bringen meldet Focus Online vom 08.07.06 - Auszüge: Das geht aus dem bisher unveröffentlichten Finanztableau des Bundesgesundheitsministeriums hervor, das FOCUS vorliegt. Danach sollen unter anderem die Ausgaben der gesetzlichen Krankenkassen für Arzneimittel im Jahr 2007 durch die Festsetzung von Höchstpreisen um eine Milliarde Euro sinken. Bei Fahrtkosten hofft die Koalition auf Einsparungen von 100 Millionen Euro, die Herausnahme von Behandlungen nach Schönheitsoperationen und Piercings aus dem Leistungskatalog der Kassen entlaste diese mit 50 Millionen Euro. Der Vorlage zufolge sollen durch Preis-Ausschreibungen für Hilfsmittel (Rollstühle, etc) weitere 300 Millionen Euro mehr bei den Kassen verbleiben. Für Mutter-Vater-Kind Kuren sollen die Kassen in den Jahren 2007 bis 2009 jeweils 70 Millionen Euro mehr ausgeben.
- Gesundheitsreform im Presse-Echo: „Diese Reform ist krank“
Harry Luck in Focus Online vom 04.07.2006 Kein gutes Haar lassen die Kommentatoren an den Gesundheits-Beschlüssen der großen Koalition. Die Bewertungen reichen von „Desaster“ bis „bürokratische Missgeburt“.
Die „Süddeutsche Zeitung“ spricht von einem „kleinen Wurf“. Die Koalition habe Großes versprochen und nur Kleines geliefert. „Dies ist nicht die Politik aus einem Guss, die Angela Merkel versprochen hat, dies ist klebriger Zuckerguss.“ Dies schmecke nicht anders als zu Zeiten von Helmut Kohl und Gerhard Schröder.
- Gesundheitsreform: Der große Murks
Leitartikel in Financial Times Deutschland vom 03.07.2006 Die große Koalition hat ihr lange angekündigtes Meisterstück vorgelegt. Gäbe es noch irgendeine wirksame politische Kontrollinstanz im Land, deren Urteil müsste eindeutig sein: So geht es nicht. Durchgefallen!
Die seit Monaten vorbereitete große Gesundheitsreform, das innenpolitische Schlüsselprojekt der Kanzlerin, erweist sich als ein Sammelsurium von widersprüchlichen Reformbauteilen, die am Ende im Kraftakt einer elfstündigen Nachtsitzung zusammengenagelt wurden. Wohin das Gesundheitssystem langfristig steuert, ist auch nach diesem Kompromiss unklar. Fest steht allein, dass kurzfristig abkassiert wird - und zwar munter nach der Devise: Was schert uns unser Geschwätz von gestern.
- Gesundheitsreform: Die Koalition heilt nur sich selbst
Carsten Volkery und Severin Weiland in Spiegel Online vom 03.07.2006 Eigentlich sollte die Große Koalition garantieren, dass SPD und Union auch große Reformen umsetzen können. Doch das Gegenteil ist der Fall: Die Gesundheitsreform zeigt, wie beide Seiten sich gegenseitig blockieren. Monatelang haben die Koalitionäre überlegt, gerechnet und verhandelt. Zehn Stunden saßen sie allein gestern nacht im Kanzleramt. Einen "großen Wurf" hatten sie versprochen: Im Gegensatz zum früheren Herumdoktern sollte es diesmal eine wirkliche Reform geben. Dass am Ende die Lösung doch wieder Beitragserhöhung heißt, enttäuscht selbst einige der Koalitionäre. "Wir hätten uns mutigere Schritte vorstellen können", bilanzierte SPD-Generalsekretär Hubertus Heil heute.
- Gesundheitsreform: Deutschland leidet
Elisabeth Niejahr in Die Zeit vom 29.06.2006 Sanierungsfall Merkel: Warum die Kanzlerin das Gesundheitssystem nur zaghaft reformiert Welche Gesundheitspolitik will die Große Koalition? Merkel hat es lange nicht für nötig gehalten, diese Frage selbst zu beantworten. Gleichzeitig hat sie keinem anderen Prokura erteilt, eine Richtung vorzugeben. Aber jemand muss erklären – und entscheiden. Wenn die Parteispitzen am Sonntag ihre Reformen beschließen, hat Angela Merkel noch einmal eine Chance. Dann müssen neben einer neuen Finanzierung des Gesundheitssystems strukturelle Änderungen bei den privaten Krankenversicherungen verabschiedet werden, etwa die Pflicht, auch Alte und Kranke aufzunehmen. Gelingt ihr nicht einmal das, droht die Koalition zum Sanierungsfall zu werden.
Anmerkung: Hervorragend beschrieben, auf den Punkt gebracht, wo es klemmt und hakt auch bei dieser "Reform"
- Gesundheitsreform: Programme von der Pharmaindustrie
Peter Mühlbauer in Telepolis vom 27.06.2006 Gesundheitsreform: Manipulatives Marketing von Pharmafirmen, die Macht der Lobbygruppen und "legale Korruption". Interview mit Professor Karl Lauterbach Der Gesundheitsökonom Karl Lauterbach ist einer der bekanntesten Gesundheitspolitiker Deutschlands. 2005 errang er ein Bundestags-Direktmandat, unterlag aber bei der Wahl zum Sprecher der Arbeitsgruppe Gesundheit der SPD-Fraktion der Pharma-Referentin Carola Reimann
Im Jahrbuch Korruption 2006 hat Transparency International festgestellt dass im deutschen Gesundheitswesen medizinische Studien manipuliert, Behörden beeinflusst, Risiken verschwiegen und Selbsthilfegruppen wie der Deutsche Diabetiker Bund unterwandert werden. Als Hauptverantwortlichen nennt Transparency International die Pharmaindustrie. Dies führt dazu, dass das deutsche Gesundheitssystem für die dritthöchsten Gesundheitskosten weltweit nur mittelmäßige Leistungen bietet.
Koalition macht Steuermittel locker (hal/ddp/Reuters/dpa) in Focus Online vom 26.06.2006 Knapp eine Woche vor dem voraussichtlich entscheidenden Koalitionsgipfel zur Gesundheitsreform haben sich SPD und Union in wesentlichen Punkten angenähert.
Bei einem Spitzentreffen der Koalition am Sonntagabend im Kanzleramt wurden nach Angaben von Beteiligten die Weichen für den Einstieg in eine teilweise Steuerfinanzierung des Gesundheitssystems gestellt. Diese könnte ab 2008 schrittweise eingeführt werden und bis zu 24 Milliarden Euro in die Kassen spülen. Auch im strittigen Punkt der Einbeziehung der Privaten Krankenversicherung in die Finanzierung ist offenbar ein Kompromiss in Sicht.
Anmerkung: Steuermittel locker machen heisst im Klartext: Angriff auf unsere Geldbörse. Bei 24 Milliarden fallen einem zusätzlich 3% Mehrwertsteuererhöhung spontan ein - dann hätten wir 22%. Oder hier ein bischen, da ein bischen z.B. bei der Öko-Steuer. Leider lies sich bislang noch nirgends lesen, in welchem Umfang die Ausgabenseite: Pharmaindustrie bis zu den Apotheken und die ebenso teure, vielfach unnütz angewendete Gerätemedizin und andere Leistungsträger beschnitten werden. Wahrscheinlich gar nicht, da ja mehr Geld ins System gepumpt wird und Leistungen für die Versicherten wegfallen. Das ist eine wahre Reformleistung der Koalitionäre!
- Wer einmal lügt
Katharina Schuler in Die Zeit vom 23.06.2006 ... dem glaubt man nicht. Diese Erfahrung macht nun auch die SPD mit ihrem Plan, die Steuern kräftig zu erhöhen und dafür die Krakenkassenbeiträge zu senken. Katharina Schuler kommentiert das aktuelle Meinungsbild
Leitartikel: Warum die Bürger mehr zahlen sollen Lucas Zeise in Financial Times vom 20.06.2006 Die Gesundheitsreform reiht sich jetzt schon ein in das Projekt "Rückbau des Sozialstaats".
"Rückbau" - allein das Wort versprüht schon Charme. Obwohl es im Bereich von Architektur und Städtebau mit der Abrissbirne assoziiert wird, taucht es immer wieder gern in Verbindung mit Abstrakta wie Sozialstaat oder Sozialsystem auf. Dem Wort ist eben etwas ungemein Anschauliches und zugleich Irreales eigen. Es verdeutlicht scheinbar, dass man wider alle Erfahrung mit Materialien wie Ziegelsteinen, Mörtel und Beton Dinge zersägen, zerkleinern oder zerfetzen kann.
Zuletzt kam mir der schöne Ausdruck in einem Interview der "FAZ" mit dem Präsidenten des Bundesverfassungsgerichts Hans-Jürgen Papier vor Augen. Fairerweise sollte man sagen, dass die FAZ-Redakteure das Wort "Rückbau" dem hohen Richter in einer Frage schon nahe gelegt hatten. Gleichwohl beruhigte er aber die Republik mit der Feststellung, dass seiner Meinung nach unsere Verfassung den ersehnten sozialen "Rückbau" nicht verbiete.
Unsere jetzige Regierung kann also ohne Angst vor Karlsruhe das fortsetzen, was ihre Vorgängerin schwungvoll begonnen hatte. Dabei kommt es aber, wie fast jeder Kommentator weiß, auf das "Timing" an. Das richtige Timing ist nicht schwer, man kann es sogar dem Fernsehen entnehmen: Jetzt während der Fußballweltmeisterschaft muss die Regierung handeln. Ist die WM vorbei, folgen die Sommerferien. Für entschlossene Rückbauer des Sozialstaats sind das drei Monate am Stück, während der die Bürger sich besonders wenig um Politik kümmern und auch bei harschen Schocks keine Montagsdemonstrationen organisieren.
- Kleine Reform, große Schmerzen
Elisabeth Niejahr in Die Zeit vom 18.06.2006 Angela Merkels Gesundheitsreform hilft der Großen Koalition, nicht aber den Versicherten. Wie die Regierung mit ihrem Fondsmodell die Arbeitnehmer belasten will
- Gesundheitsreform: Arbeitgeber gegen Fondsmodell
ZDFheute vom 17.06.2006 Vor der Koalitionsrunde zur Gesundheitsreform haben die Arbeitgeber ein Fondsmodell abgelehnt. Es löse nicht die Probleme der Kassen. Die Grünen bezeichneten die Pläne als "sozial ungerecht", Experten zweifeln an der Wirksamkeit des Vorhabens.
- Gesundheitsreform: Jetzt geht es ums Geld
Andreas Mihm in Frankfurter Allgemeine vom 07.06.2006 Das Ergebnis für das erste Jahresquartal war noch schlechter ausgefallen, als es die Vorabmeldungen (F.A.Z vom 2. Juni) hatten befürchten lassen: Nicht mit einer Milliarde Euro, sondern mit 1,22 Milliarden Euro sei die GKV in den ersten drei Monaten 2006 ins Defizit gerutscht, teilte Ministerin Schmidt pünktlich zu Beratungsbeginn mit.
- Pauschale, Steuererhöhung, Extrabeitrag
Andreas Mihm in Frankfurter Allgemeine vom 13.04.2006 An ihrer Gesundheit und an ihrem Geldbeutel Interessierte sollten sich einen neuen Begriff einprägen: Fondsmodell. In der Reformdebatte über die gesetzliche Krankenversicherung (GKV) dürfte er in den kommenden Monaten gute Chancen haben, als Synonym für einen Kompromiß zwischen "solidarischer Gesundheitsprämie" und "Bürgerversicherung" durchzugehen. Denn zumindest sprachlich vereint der Ansatz, den der Vorsitzende der Unionsfraktion im Bundestag, Volker Kauder (CDU), jetzt öffentlich machte, Komponenten der bisher von Union und SPD vertretenen gegensätzlichen Modelle.
Hartmannbund Nordrhein gegen elektronische Gesundheitskarte (Detlef Borchers)/(jk/c't) in Heise Online vom 19.05.2006 Am dritten nationalen Protesttag der niedergelassenen Ärzte wird nicht allein gegen das Arzneimittelgesetz und die mit ihm einhergehenden Honorarkürzungen demonstriert. Der Landesverband Nordrhein des Hartmannbundes (Verband der niedergelassenen Ärzte) veröffentlichte einen Appell an Politiker und Krankenkassen, die Einführung der elektronischen Gesundheitskarte (eGK) zu stoppen. Die Kosten von 4,5 Milliarden Euro stünden in keinem Verhältnis zum erwarteten Nutzen. Außerdem seien die datenschutzrechtlichen Probleme der Gesundheitskarte nicht gelöst, heißt es in der Resolution der Landesdelegiertenkonferenz Nordrhein.
Zuvor hatten einem Bericht der Ärztezeitung zufolge bereits die niedergelassenen Ärzte in Westfalen-Lippe die Einführung der eGK zum jetzigen Zeitpunkt abgelehnt. Der obige Link beinhaltet eine VIelzahl interessanter weiterführender Informationen zu diesem Themenbereich.
Zu dieser Problematik soll auch nicht verschwiegen werden, worum es bei der Gesundheitskarte wirklich geht. Schlussendlich wollen die Krankenkassen und auch die Pharmaindustrie Profile über Patienten zwecks Risikominimierung erstellen. Einen anderen Sinn habe das nicht. Siehe auch hier: Hintergründe zur elektronischen Gesundheitskarte
- Ärztestreik: Eine Frage des Respekts
von Karsten Polke-Majewski in Die ZEIT vom 12.05.2006 Die Tarifverhandlungen zwischen Ärzten und Ländern sind gescheitert. Zu leiden haben die Patienten. Was ist die Sorge für Leib und Leben wert? Die Ärzte gieren nicht einfach nur mit scheinheiligen Argumenten nach mehr Geld. Letztlich geht es in diesem Tarifkonflikt um eine Frage des Respekts. Mit wem vergleicht man Krankenhausärzte?
Mit dem Pflegepersonal, wie Möllring es tut, das weit geringere Lohnzuwächse zu erwarten hat? Oder mit Piloten, die für Leib und Leben von Menschen verantwortlich sind und ein Vielfaches der durchschnittlichen 3.400 Euro Bruttolohn eines Krankenhausarztes verdienen? Wohlgemerkt: Die Gespräche scheiterten nicht daran, wie viel hochbezahlte und durch Beraterverträge und andere Honorare zu Spitzenverdienern aufgestiegene Chefärzte verdienen sollen. Es geht vielmehr um jene Mediziner, die den Betrieb auf Stationen und in Ambulanzen unter widrigen Umständen am Laufen halten. Siehe hierzu auch diesen interessanten Leserbrief zu: Eine Frage des Respekts
- Gesundheitsreform: Steuern sollen massiv steigen
hei/dpa/Stern in Focus Online vom 11.04.2006 Die Koalitonsspitzen haben sich offenbar auf ein Fondsmodell für die Finanzierung der Gesundheitsreform verständigt. Die Steuern sollen steigen.
- Gesundheitsreform: Steuern sollen massiv steigen
hei/dpa/Stern in Focus Online vom 11.04.2006 Die Koalitonsspitzen haben sich offenbar auf ein Fondsmodell für die Finanzierung der Gesundheitsreform verständigt. Die Steuern sollen steigen.
- Gesundheitsreform: Schwarz-rotes Konzept nimmt Formen an
suc in Spiegel Online vom 11.04.2006 Die Konturen der geplanten Gesundheitsreform gewinnen an Schärfe. Die CDU wirbt für einen dritten Weg zwischen ihrem Konzept der Kopfpauschale und der SPD-Bürgerversicherung. Im Zentrum steht die Einführung eines sogenannten Gesundheitssolis.
- Schnitzel aus dem Labor
wst/Technology Review in Heise Online vom 11.04.2006 2012 sollen die ersten aus Zellkulturen gezüchteten Fleischprodukte auf den Markt kommen. Das berichtet Technology Review in seiner aktuellen Ausgabe. Guten Appetit.
- Big Pharma is watching you
Karen Dente / ©Max Missal in Die Zeit vom 04.04.2006 In den meisten Ländern der Welt dürfen Arzneifirmen nicht direkt bei Patienten werben. Also behelfen sie sich damit, Artikel in Medizinjournalen in ihrem Sinne zu beeinflussen. Ein Erfahrungsbericht aus den USA.
Wie es einer frisch gebackenen Ärztin mit journalistischen Ambitionen erging - und leider ist das weltweite Praxis in der Pharma-Industrie.
- Nach dem Wahltag ist Zahltag
Joachim Rieker in der Märkischen Allgemeinen Zeitung vom 24.03.2006 Koalition plant Gesundheitsreform. Zehn Milliarden Euro Einsparsumme. BERLIN Zumindest theoretisch könnten die Politiker dem Bürger ja auch vor der Wahl die Wahrheit sagen, doch es gibt kaum Beispiele dafür, dass solche Ehrlichkeit jemals zum Erfolg geführt hätte. Deshalb tun die führenden Politiker der Großen Koalition in Berlin gegenwärtig alles, um ihre Pläne für eine Gesundheitsreform nicht an die Öffentlichkeit gelangen zu lassen.
Herumdoktern am kranken System Andreas Mihm in Frankfurter Allgemeine vom 13.01.2006 Es war im Jahre 1974, als Heiner Geißler, damals Sozialminister in Rheinland-Pfalz, verlangte, es müßten „umgehend alle am Gesundheitswesen Beteiligten zu gemeinsamen Beratungen” darüber veranlaßt werden, „wie der Kostenanstieg gedämpft werden kann”. Andernfalls drohe ein Anstieg des Beitragssatzes von 9,5 Prozent auf 13,1 Prozent bis zum Jahre 1978.
32 Jahre und viele Reformen später liegt der Beitragssatz der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) bei 14,1 Prozent, und Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) erklärt: „Der Handlungsdruck im Gesundheitsbereich ist sehr, sehr groß.” Gäbe es keine Änderungen, beliefe sich das Defizit der GKV Ende kommenden Jahres wohl auf 10 Milliarden Euro. Das entspricht einem ganzen Prozentpunkt des Beitragssatzes.
- Kleiner Almanach des deutschen Gesundheitswesens
Andreas Mihm in Frankfurter Allgemeine vom 13.01.2006 Wie das deutsche Gesundheitssystem funktioniert, wer die Akteure sind, was sie (be)zahlen, was sie bekommen - ein Überblick.
Hintergründe zur elektronischen Gesundheitskarte
Der offensichtlich sehr engagierte Arzt Gottwalt Thiersch bezieht Stellung im Heise-Forum am 19.05.2006 zum Thema Gesundheitskarte und deren Umfeld. Hier einige Auszüge daraus:
Wenn ein System, das sich offensichtlich nicht rechnet und von den direkt Betroffenen abgelehnt wird, dennoch durchgepaukt werden soll,
dann muss man hinsehen: Wem nutzt es?
Wer zieht also Nutzen aus der Gesundheitskarte?
Und da bleiben genau zwei Gruppen uebrig: Pharma- und Krankenhauskonzerne (oft ja schon zusammengefasst), die in Zukunft ja
noch Praxisketten betreiben wollen (da muss nur noch das Gesetz durchgewunken werden, dass ein niedergelassener Arzt auch
Filialpraxen betreiben und Aerzte anderer Fachrichtungen anstellen darf, in erster Lesung passierte es schon den Bundestag), und die
Versicherungen. Und natuerlich die Bundesregierung.
Jetzt kommt die Frage: Warum haben diese Gruppen Nutzen aus der Gesundheitskarte?
Die Antwort ist simpel: Die Krankenkassen wollen Daten, Daten, Daten.
Schon heute reklamieren sie ja dauernd die Rechnungen nicht, weil sie irgendwas als ungerechtfertigt berechnet
ansehen, sondern weil sie durch die Begruendungen an die eigentlichen Krankheitsbilder wollen. Und die ganzen Programme (wie z. B. www.primama.de ), bei denen die Kassen den Patienten Mehrwert
versprechen (und die Aerzte koedern, indem sie die Projektpatienten aus dem Budget nehmen), falls sie sich beteiligen, dienen vordringlich der Datensammelwut.
Und weshalb wollen die Krankenkassen diese Daten?
Da gibt es ein ganz banales wirtschaftliches Interesse:
Hat man genuegend Daten, kann man sehr sehr exakte Morbiditaetsprognosen ueber hinreichend grosse Gruppen erstellen. Damit will man einerseits
einen besseren Risikostrukturausgleich realisieren und andererseits dann Risiken gezielt ausschreiben. Also sagt die Krankenkasse: Hier
habe ich achtzehntausend Mitglieder mit einem Morbiditaetsquotienten von 1,28. Wer versorgt mir die am billigsten? Das ist erstmal vordergruendig.
Die Pharma-Industrie:
Schon heute ist es so, dass eben nicht mehr in Bereichen geforscht wird, wo vielleicht dringend Medikamente
benoetigt wuerden, um schwere Krankheiten zu heilen. Es wird sogar die kostendeckende Produktion dringend benoetigter Medikamente
eingestellt, weil die Produktion des entsprechenden Medikaments nicht die konzernweit geforderte Renditeschwelle von 12,5% erreichen kann
(z. B. in der Tropenmedizin). Durch gute Morbiditaetsquotienten koennen die Pharmakonzerne sehr effektiv Heil- und Hilfsmittel fuer spezielle Bevoelkerungsgruppen entwickeln.
Ein Beispiel dafuer ist der Markt fuer Stoffwechselerkrankungen, die durch Fehl- und
Ueberernaehrung entstehen. Also die typischen Wohlstandskrankheiten. Hier kann man durch aufwendig optimierte Medikamente sehr viel Geld
verdienen, obwohl die Krankheiten selbst durch vernuenftige Ernaehrung entweder gar nicht auftraeten oder doch so weit
behandelbar sind, dass eine medikamentoese Therapie unnoetig waere.
Das heisst: Durch die Daten der Gesundheitskarte erhalten die Pharmakonzerne sehr genaue Profile fuer die zukuenftige Entwicklung neuer ertragsstarker Produkte.
Und jetzt kommt eines der eigentlichen Probleme:
Will man diese ganzen Daten wirklich haben und vernuenftig auswerten, so muessen sie erstmal digital vorliegen (das erreicht man durch die elektronische
Gesundheitskarte und die eAkte) und dann muessen sie eben doch zentral zusammengefuehrt werden, auch wenn sie regional bzw. lokal gespeichert bleiben.
Das naechste Problem ist: Man wird mit statistischen Relationen arbeiten, arbeiten muessen.
Aber gerade in der Medizin ist das aeusserst heikel.
Und mal wieder bringe ich mein Lieblingsbeispiel: Allergien
In den fruehen Achtzigern versuchte man die Ursachen der zunehmenden Allergien zu finden. Man stellte rasch fest, dass im Schnitt jedes
vierte Kind (heute jedes dritte) unter wenigstens einer eindeutigen Allergie litt. Und man stellte fest, dass unter den sog.
"Anthroposophenkindern" (ein etwas ungluecklicher Begriff, der eigentlich steht fuer Kinder von Eltern, die aus irgendwelchen
Gruenden ihre Kinder nicht impfen liessen) hoechstens jedes 12. Kind eine Allergie hatte. Also zog man den naheliegenden Schluss, dass
impfen, das ja einen unmittelbaren Einfluss aufs Immunsystem hat (unbestritten, das ist ja sei Zweck), anscheinend das Immunsystem so
aus dem Gleichgewicht bringen kann, dass Kinder leichter Allergien entwickeln. Man fand also eine Arbeitshypothese durch statistische
Ueberpruefungen sehr sehr deutlich bestaetigt.
Nun kam die Wiedervereinigung, und man stellte fest, dass die Kinder der ehemaligen DDR ungefaehr ebenso wenige Allergien hatten wie die
"Anthroposophenkinder", und das, obwohl in der DDR eher mehr und konsequenter geimpft wurde als in der BRD und eher problematischere
Traegerstoffe in den Impfstoffen eingesetzt wurden als in der BRD. Nun mussten die Aerzte eine Zeitlang diesen Widerspruch ertragen bis
sie entdeckten, dass es eine Gemeinsamkeit zwischen den Kindern aus der ehemaligen DDR und den "Anthroposophenkindern" gab: Sie wurden
allesamt wenigstens 6 Monate gestillt. In der DDR aus Mangel an industrieller Saeuglingsmilch, bei den nicht geimpften Kindern in der
BRD wohl aus Ueberzeugung. Seither "weiss" man also, dass stillen der beste Schutz gegen Allergien ist.
Und mein zweites Lieblingsbeispiel: plötzlicher Kindstot
Bei den Forschungen zum ploetzlichen Kindstot kam man ja auf die verschiedensten Ideen. Aber man stellte recht bald fest, dass statistisch betrachtet die
Wahrscheinlichkeit eines Kindes, im Elternbett zu sterben, 42 mal hoeher war als die Wahrscheinlichkeit, dass ein Kind im eigenen
Bettchen starb. Man kam auf die verschiedensten Ideen, woran das liegen koenne, die haeufigste ist, Saeuglinge wuerden auf
Erwachsenenmatratzen "ueberhitzen". Vor etwa zwei Jahren wurden die Daten, die zu diesem Schluss fuehrten, nochmals durchgearbeitet. Und
was musste man feststellen? Fast saemtliche Kinder, die im Elternbett an "ploetzlichem Kindstot" gestorben waren, waren in einem
Raucher-Elternbett gestorben! Schlussfolgerung also: Die Nikotinausduenstungen sind extrem gefaehrlich fuer Kleinstkinder,
gerade im Schlaf. Und das ist eine Banalitaet, denn Nikotin als Nervengift wirkt gerade aufs unreife Saeuglingsgehirn besonders
schaedigend und wird von der noch unreifen Leber viel viel langsamer abgebaut. Dies laesst sich direkt nachweisen. Das fuehrt dann dazu,
dass Atemstillstaende (die Saeuglinge immer wieder haben) nicht aufhoeren, weil eben das Kind durchs Nikotin leicht "betaeubt" ist
oder dass das Herz nach Rhythmusstoerungen (die ebenso normal sind) nicht wieder "in Gang" kommt, aus den selben Gruenden. Rechnete man
die "Raucherkinder" aus der Statistik heraus, so starben Kinder erheblich seltener im Elternbett als im eigenen Bett.
Als Fazit kann also nur bleiben: Rauchen in Gegenwart bzw. in der Wohnumgebung eines Saeuglings ist Koerperverletzung, und
Raucherkinder beduerfen eines eigenen Zimmers zum Schlafen, um nicht durch die Nikotin-Ausduenstungen der Eltern gefaehrdet zu werden. Das
gilt analog natuerlich fuer andere Nervengifte wie Alkohol etc.
Aber es ist sicherlich deutlich geworden, was ich zeigen wollte: EBM, Evidence Based Medicine, ist notwendig und wichtig. Aber das klappt
nicht, das klappt niemals auf der Basis von "toten" Daten. Und das ist das eigentliche Problem daran. Betreibt man EBM auf der Basis
toter Daten, so kommen Ergebnisse zustande wie die Ratschlaege fuer den ploetzlichen Kindstot: Kinder nicht ins Elternbett. Und so weiter.
Deshalb auch hier, oder ganz besonders hier: Nie, nie, nie verallgemeinern, wachsam, mitdenkend, kritisch beobachten und bereit
sein, jederzeit die eigenen Urteile wieder infrage zu stellen, die eigenen Schluesse neu zu ziehen, das eigene Handeln neu auszurichten.
Aerzte machen das dauernd. Und sie muessen es. Und natuerlich kann ihnen EBM dabei helfen, soll ihnen dabei helfen. Aber das muss IMMER,
IMMER, IMMER mit dem Menschen, dem einzelnen Menschen im Mittelpunkt der Betrachtung geschehen.
Und das ist bei unserem medizinischen System laengst nicht mehr der Fall.
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Der engagierte Arzt Gottwalt Thiersch bezieht Stellung im Heise-Forum am 19.05.2006 zum Thema Ärztestreik und Situation in den Krankenhäusern. Hier einige Auszüge daraus:
Zum Thema Ärztestreik und Situation in den Krankenhäusern:
Ich denke, man sollte hier nicht 3 von einander zu trennende Themengebiete vermischen. Jedes von ihnen ist komplex genug:
1. Abrechnung und Kommunikation zwischen unterschiedlichen (niedergelassenen) Ärzten und Krankenhäusern.
Hier haben wir schon zwei voellig unterschiedliche Punkte:
a. Aerzte rechnen mit der KV ab, Krankenhaeuser direkt mit den Krankenkassen. An diesem Punkt herrscht kein Bedarf fuer eine elektronische Gesundheitskarte. Da wird lediglich benoetigt:
- IK der Krankenkasse
- Versichertennummer des Versicherten.
b. Kommunikation zwischen Aerzten, egal ob niedergelassen oder stationaer. Hier ist nicht das Medium das Problem, sondern die Faehigkeit.
Sprich: Es ist voellig egal, ob der Arzt auf Papier oder als e-Mail oder elektronisch schreiben muss. Er muss schreiben.
Labordaten werden heute schon elektronisch oder per Fax uebermittelt, da ist die Kommunikation gut. Aber die eigentlichen internen Daten einer Praxis oder einer Station wird auch in Zukunft kein Arzt weitergeben, ohne sie zu ueberarbeiten. Das geht einfach nicht anders. Und genau an diesem Punkte hakt es.
So wird ein halbjaehriges Kind nach vier Wochen aus der Kinderklinik entlassen, und der weiterbehandelnde Arzt bekommt den dringend benoetigten Arztbrief erst zwei Wochen spaeter.
Das aendert sich auch mit elektronischer Krankenakte nicht, denn der Brief muss erstellt werden. Befunde und Therapieplaene etc. wurden gleich bei Entlassung mitgegeben. Aber das genuegt eben nicht.
Sprich: Hier ist ein Strukturproblem, das sich nicht durch den Wechsel des Mediums aendern laesst. Aerzte lernen waehrend ihrer Ausbildung und ihres Studiums nicht die Zusammenarbeit und Kommunikation. Und da stinkt der Fisch leider vom Kopf.
Hier soll in erster Linie die Gesundheitskarte ein Hilfsmittel werden. Und dort ist ein derartiges Werkzeug lange überfällig.
Ein derartiges Werkzeug ist ueberfluessig. Das Problem ist ja nicht, dass Daten nicht uebermittelt werden, sondern, dass Daten schlicht nicht aufbereitet wurden, sodass sie in brauchbarer Form uebermittelt werden koennten. Schon heute kann ein Arzt schnell mal anrufen und tut das auch. Und schon heute bekommt man Befunde etc. schnell mal durchgemailt oder durchgefaxt. Aber darum geht es nicht beim Kernproblem. Medizin ist trotz ebm KEINE Wissenschaft.
2. Krankenhausorganisation, oft kann man das, was in Krankenhäusern gemacht wird, ja nicht in die Nähe des Begriffs "Organisation" bringen. Da liegt viel im argen und teuer ausgebildete Mediziner werden mit Aufgaben überfrachtet, für die sie nicht ausgebildet wurden.
Ja. Aber auch da ist es nicht eine Frage des Mediums, sondern der grundsaetzlichen Herangehensweise. Immer noch ist das sinnvollste Medium am Patientenbett die Papierakte. Einfach, weil man dort Eintraege vornehmen kann, ohne die Aufmerksamkeit vom Patienten wenden zu muessen, weil man einfach mal schnell ein Blatt herausnehmen kann, weil das auch mal runterfallen darf, eine Infusionsloesung drueberlaufen darf undundund. Auch, weil die Aerzte untereinander ihre Eintraege an Schrift und Farbe erkennen und sich gegenseitig kennen und dann Anmerkungen einordnen koennen. Und auch wegen der Rechtssicherheit: Kugelschreibereintraege sind im Zweifelsfall eindeutig dem Schreiber zuzuordnen und in eine eindeutige zeitliche Reihenfolge zu bringen. Also: Im OP und am Krankenbett wird Papier das Mittel der Wahl bleiben, bleiben muessen.
Da die Sekretaerinnen inzwischen nur noch fuer den Chefarzt arbeiten, muessen also die Assistenzaerzte in ihren Bereitschaftszeiten die Papiereintraege der Assistenz- und Oberaerzte uebertragen ins Krankenhaus-Informationssystem. Egal ob mit oder ohne elektronischer Gesundheitskarte. Und sie muessen aus flapsigen Anmerkungen weitergabefaehige Berichte machen. Und sie muessen von Diktiergeraeteaufzeichnungen Briefe anfertigen, Protokolle abtippen etc. Ein Gutteil dieser Arbeit ist leider nicht ohne Weiteres an Schreibpersonal delegierbar, da hier Fachkenntnis erfordert wird. Aber es ist einfach fragwuerdig, wieviel davon wirklich in die EDV muss.
Und dann kommt das Controlling: Diverse Kassen akzeptieren ja heute kaum noch eine Rechnung ohne Kuerzungen. Das bedeutet, dass man nebenbei noch (das geschieht natuerlich wieder in den Bereitschaftszeiten) dutzendfach Begruendungen nachreichen muss, ohne die Schweigepflicht zu verletzen etc. Und das wegen laecherlicher Betraege. Das ist eine derart ausufernde Bureaukratie, da straeuben sich nicht nur mir die Haare. Aber das ist nicht zu aendern durch eine elektronische Gesundheitskarte. Da liegen die Ursachen anderswo und muessen auch anderswo bekaempft werden.
3. Ärztestreik. Ob Ärzte zu niedrig bezahlt werden, kann ich nicht beurteilen, mir fehlt da allerdings etwas der Glaube. Nur verstehe ich nicht, warum sie "mehr Geld" schreien, wenn es ihnen wie oben behauptet eigentlich um Arbeitsbedingungen geht!?
Sie schreien ja beides. Sie schreien ja seit dem Urteil des EU-Gerichtshofes: Zahlt uns endlich unsere Ueberstunden und lasst uns endlich in vernuenftigem Masse arbeiten. Niemand kann mir glaubhaft erzaehlen, dass 24-Stunden-Dienste sinnvoll sind und dass 80-Stunden-Wochen fuer Assistenzaerzte erstrebenswerte Abhaertungsprozesse darstellen. Ebenso ist es Unfug, durch einerseits die ueberbordenden Verwaltungsanforderungen und andererseits die viel zu duennen Personalstrukturen staendig im Ausnahmezustand taetig zu sein.
Man muss ja wirklich zwei Dinge auseinanderhalten: Auf der einen Seite hat kein anderer Berufsstand weniger Krankentage, und das trotz extrem mieser Arbeitsbedingungen. Das muss wohl schon auch an der hohen Motivation liegen. Auf der anderen Seite sind die Arbeitsbedingungen eben wirklich extrem schlecht, in aller Regel, und die Bezahlung ebenfalls unverhaeltnismaessig. Wenn man einfach mal die Arbeitsbelastung eines kaufmaennischen Direktors (das kenne ich nun selbst gut) im Range eines Oberverwaltungsdirektors mit Sonderverguetungen vergleicht mit einem aehnlich verdienenden stationsleitenden Oberarzt: Ja, dann hats der kaufmaennische Direktor aber wirklich sehr sehr gut. Da besteht ein echtes Ungleichgewicht.
Und geht man nun zwei Hierarchieebenen niedriger und vergleicht den Verwaltungsdirektor mit dem Assistenzarzt: Ja, dann wird das Missverhaeltnis noch groesser.
Dass ohne Zweifel das Pflegepersonal noch viel viel schlechter dasteht, im Verhaeltnis, ist ja unbestritten. Und dass dementsprechend die Aerzte beim derzeitigen Streik auch sehr deutlich gemacht haben, dass sie unter keinen Umstaenden Einkommensverbesserungen zu Lasten des Pflegepersonals akzeptieren koennen, ist ja ebenso selbstverstaendlich. Und beim Pflegepersonal sieht man sowohl an der immensen Fluktuation (zehn Jahre nach dem Examen arbeitet nur noch ein Zehntel im erlernten Beruf) als auch am grossen Krankenstand (ueber 20% ist normal) und an der grossen Zahl teilarbeitsunfaehiger Mitarbeiter.
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Bemerkenswerter Leserbrief von Miyamoto in die ZEIT vom 12.05.06 zu:
Eine Frage des Respekts?"
Seit Jahren wird von der Kostenexplosion im Gesundheitswesen geredet, und mit diesem Argument wird ebenso lange die Unmöglichkeit von signifikanten Lohnzuwächsen in diesem Sektor begründet.
Was nur wenige wissen:
- Seit den 60er Jahren leistet sich die Bundesrepublik Deutschland relativ konstant etwa 13% des Bruttoinlandsproduktes für den Gesundheitssektor.
- Deutschland ist einer der fuenf groessten Gesundheitsmaerkte der Welt.
- Pharmafirmen unterhalten ein riesiges Heer von Pharmavertretern, die jeden Tag die Krankenhäuser und Arztpraxen im Lande heimsuchen und ihre Produkte anpreisen. Dabei werden auch reichlich Produktproben ausgegeben. Da wundert's nur wenig, dass die gleichen Medikamente in anderen Ländern (auch innerhalb der EU) z.T. zu einem Drittel des hiesigen Preises verkauft werden. Merkwürdigerweise behaupten die Pharmafirmen immer, die Medikamente seien hier so teuer, weil so viel geforscht werden müsse - dabei werden die pharmakologischen Forschungskapazitäten in D seit Jahren zurückgefahren.
Wer heute Medizin studiert, hat mehrere Perspektiven:
- In D jahrelang im Krankenhaus arbeiten, mit im Vergleich zu den Anforderungen mässiger Bezahlung, besch***enen Arbeitszeiten und oft in einer extrem strengen Hierarchie, die Freude an der Arbeit nicht eben befördert. Vielfach ist ein Leben neben der Arbeit nur schwer möglich, weil z.B. regelmäßige Besuche im Sportverein oder so durch die ständigen Schichtwechsel nur schwer zu machen sind.
- Angebote aus der Wirtschaft annehmen - hier finden sich oft reguläre 9-bis-16-Uhr-Jobs, mit oft besserer Bezahlung als im Gesundheitswesen, ohne Wochenend- oder Nachtdienste, familienfreundlich, ... - wer wollte noch wissen, woher der kommende Ärztemangel in D kommt?
- ins Ausland gehen - im Zweifelsfalle fühlen sich viele hier in D zu sehr verankert oder wissen nicht, das es im Ausland oft besser bezahlt, mit besserem Arbeitsklima und besseren Arbeitszeiten durchaus attraktiv ist.
Die Forderung des Marburger Bundes nach 30% mehr Gehalt scheint erstmal hoch - vor dem Hintergrund, daß die Gehälter in den letzten Jahren bis Jahrzehnten unterdurchschnittlich erhöht wurden, daß die Möglichkeiten, diese mäßige Bezahlung durch zusätzliche Nachtdienste im Rahmen der definitiv zu begruessenden Arbeitszeitbegrenzungen durch die EU spaetestens ab 2007 extrem beschränkt sind und daß es im Gegensatz zu früher nur noch beschränkte Aussichten gibt, dass sich die schlecht bezahlte Buckelei der ersten Arbeitsjahre später mit eigener Praxis oder als Ober-/Chefarzt wirklich mal auszahlt, vor diesem Hintergrund begrüße ich, daß sich die Ärzteschaft jetzt nach Jahren des Stillhaltens endlich mal auf die Hinterbeine stellt und brüllt "Es reicht!"
Wie kann es angehen, daß Ärzte, deren Fehler extreme Konsequenzen haben können, auch 2006 noch 36 Stunden am Stück arbeiten duerfen, während die Kamerateams des NDRs, der das dokumentieren wollte, jeweils nach acht Stunden ausgewechselt werden müssen, weil die nicht länger am Stück arbeiten dürfen? Flugzeugpiloten werden notfalls mit Waffengewalt aus dem Cockpit entfernt, wenn sie nicht nach acht Stunden freiwillig in Pause gehen!
Wer würde sich von einem Menschen operieren lassen wollen, der 1 Promille intus hat? Wohl niemand. Aber wenn ein Mensch 24 h wach war, hat er die gleichen Reaktionsfaehigkeiten und -genauigkeiten wie ein Betrunkener mit eben diesem Blutalkoholpegel!
Es ist höchste Zeit, dass sich die Arbeitsbedingunen in deutschen Krankenhäusern signifikant verbessern, damit die Ärzte auch wieder Kraft haben, die im Moment nur durchschnittlichen Leistungen wieder auf Weltspitzenniveau zu bringen. Und da geht es nicht nur um Geld, sondern vor allem auch um menschenwürdige Arbeitsbedingungen.
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Dem ist wohl kaum noch etwas hinzu zu fügen. Viel klarer geht es kaum. Geanu hier dürfte auch einer der Ansatzpunkte der Gesundheitsreform liegen, die Pharmaindustrie an die Kette zu legen und weltmarktübliche Preise zu verlangen (die immer noch fürstliche Verdienstmargen erlauben). Stattdessen wird versucht frisches Geld aus den Taschen der Bürger in das krankgemachte und ausgenutzte System zu pumpen und wichtige Leistungen zu reduzieren oder zuzahlungspflichtig zu machen.
Rentenpolitik
Ein ebenso spannendes Thema. Versuchen doch die Versicherungsunternehmen mindestens seit Kanzler Kohls Zeiten (auch mit massiver Hilfe der Politik) die gesetzliche Rentenversicherung madig, unglaubwürdig und unsicher zu machen und auch hier mischen natürlich die üblichen sogenannten neoliberalen Kreise der Arbeitgeberseite fröhlich mit
und beinflussen Politik und Bevölkerung mit offener und verdeckter Werbung bis hin zu auf vielen Schultern tragenden "Experten" wie z.B. Riester, Rürup, Raffelhüschen, Sinn, Miegel u.v.a. sowie bekannten Fernsehmoderatoren wie z.B. Nina Ruge, Harald Schmidt, Günther Jauch, Kerner, Reinhold Beckmann u.v.a., die im Dienste der verschiedenen Versicherungskonzerne arbeiten. Auch Allianz, Bild, T-Konzern betreiben eine eigene Kampagne. Warum dürfen die Rentenbeiträge nicht mehr über die künstlich angeordneten 20 Prozent steigen?
Das wäre für die Betroffenen erheblich billiger und effektiver als die verschiedenen zusätzlichen privatwirtschaftlichen Altersvorsorgen und jetzt gar als private Arbeitslosenversicherung (aber auch nur für 12 Monate!), bei denen bis zu 40 Prozent der Versicherungsbeiträge bei Vertretern, bei den Versicherungen, Vorständen und Aktionären kleben bleiben. Die gesetzliche Rentenversicherung hingegen hat nur einen Overhead von rund 1,5 Prozent, braucht keine Gewinne machen, sondern muss einfach nur funktionieren.
Und das kann sie sehr gut, wenn die Politik nicht ständig darin herumpfuschen würde und die politisch motivierten Kosten auch aus dem Steuersäckel voll übernehmen würde. Über Jahrzehnte hat die Politik die Rentenversicherungskasse als billiges Geldreservoir benutzt und erheblich mehr entnommen, als wieder zurückgegeben. Kritiker sprechen inzwischen von 500 Milliarden Euro, die so veruntreut wurden.
Inzwischen droht gerade Arbeitslosen neues Ungemach - die Zwangsverrentung und allgemein geistern merkwürdige Ideen zur weiteren Aufweichung der gesetzlichen Rentenversicherung durchs Land, wobei sich dann auch noch herausgestellt hat, dass die als "Ersatz" für die Rentenkürzungen angebotenen Riester- und Rürup-Rentenverträge insbesondere für Kleinverdiener trotz hoher staatlicher Zuschüße von jährlich 12 Milliarden Euro eine echte Mogelpackungen sind. Würden diese Gelder direkt in die staatliche Rentenversicherung fliessen, statt bei den privaten Versicherungen zu versickern, hätten die Bürger erheblich mehr davon.
Aber das wird Medien wie z.B. Focus und BILD nicht davon abhalten weiterhin im redaktionellen Teil die staatliche Rente schlecht zu machen und gleichzeitig für die privaten Versicherer zu werben - wobei sich BILD konkret mit der Allianz verbandelt hat.
Inzwischen hat sich klar herauskristallisiert, dass wir eher langfristig geplanten Lügen bezüglich demografischer und Altersvorsorgedaten aufgesessen sind, als das es ein reales Problem gäbe. Die bekannten "Weisen" und Mietmäuler der Branche (siehe oben) zusammen mit der auf niedrige Lohn(neben)kosten spekulierenden werten Arbeitgeberschaft und deren bezahlten Instituten haben die Politiker - mit welchen Mitteln auch immer - dazu gebracht, die gesetzliche Rente auszudünnen, abzusenken und erst später beginnen zu lassen.
Laut Prof. Raffelhüschen vor Versicherungsvertretern "haben wir die größte Rentensenkung der Geschichte hingekriegt. Nun seid ihr dran."
Viel mehr gibt es dazu eigentlich nicht zu sagen - ausser das diese aufgezwungenen privaten Altersvorsorgen nur für die Konzerne rentierlich sind - nicht für die Versicherten. Aber das war ja das Ziel ...
Hinweis: Über den Link der Artikelüberschrift gelangen Sie zum vollständigen Originaltext der jeweiligen Quelle.
ARD-SWR: Die Rentenlüge Dietrich Krauss und Ingo Blank SWR Odysso vom 24.04.2008
Ist die „Alterskatastrophe“ nur eine Medienkampagne? Erfunden, um die gesetzliche Rente abzuwickeln und den Versicherungen neue Kunden zuzuführen? Das wollen wir uns näher anschauen. Ganz offensichtlich gibt es eine ganz „große“ Koalition, denn seit Jahren fordern Politiker aller Parteien die Deutschen zur privaten Vorsorge auf.
Anmerkung: Sehr interessante Richtigstellung wider den medialen Einheitsbrei gegen die gesetzliche Rente und die Machenschaften der privaten Versicherer und deren Lobbyisten. SWR Video: Die Rentenlüge 7:13 Minuten
Sendungsbroschüre: Sterben die Deutschen aus? (PDF)
ARD-SWR: Die Demografie-Lüge Frank Wittig SWR Odysso vom 24.04.2008
Vor 100 Jahren konnte ein Landwirt gerade einmal acht Menschen ernähren - heute sind es 80. Seine Produktivität hat sich gewaltig gesteigert. Sind wir heute bei den Renten vielleicht in einer ähnlichen Situation? Werden - was jetzt noch unvorstellbar scheint - in 30 Jahren einige wenige Junge viele Alte versorgen können? Von der "Vergreisung Deutschlands" ist die Rede, der "Verödung und Verblödung" weiter Landstriche, gar vom "Aussterben der Deutschen". An düsteren Zukunftsszenarien herrscht kein Mangel. Aber: Man kann die Sache auch ganz anders sehen...
Seit rund zehn Jahren haben Politiker und Medien die demographische Katastrophe als Megathema entdeckt, schüren Panik und rechtfertigen so Einschnitte ins soziale Netz. Dabei kann man die Zahlen, die vom statistischen Bundesamt vorgelegt werden, auch ganz anders interpretieren.
Die Zahlen, die zunächst scheinbar eine ganz klare Sprache sprechen: Im Jahr 2000 finanzierten noch 4,1 Erwerbsfähige einen Rentner. 2050 sollen es nur noch zwei sein. Aber ist damit der Sozialbankrott wirklich vorprogrammiert? Ein Blick in die Geschichte zeigt: Nein!
Schon seit 1871 gibt es immer weniger Erwerbsfähige pro Rentner. 1871 - zu Beginn der Bevölkerungsstatistik - waren es noch 14 Erwerbsfähige, die einen Rentner finanzierten. 1950 noch sieben, und heute sind es vier. Und trotzdem ging es Rentnern und Arbeitern immer besser.
Anmerkung: Endlich wird mit diesem Demografie-Unsinn aufgeräumt und dieser als Angstmache entlarvt. SWR Video: Die Demografie-Lüge 5:48 Minuten
Bundestag: Kritischer Blick auf die Riester-Rente hib-Meldung 080/2008 heute im Bundestag vom 13.03.08
Arbeit und Soziales/Antrag Berlin: (hib/MPI) Die Linksfraktion will die Riester-Rente auf den Prüfstand stellen. In einem Antrag (16/8495) verlangt sie von der Bundesregierung, binnen eines Jahres einen geschlechterdifferenzierten Evaluationsbericht über die staatlich geförderte Altersvorsorge vorzulegen.
Darin solle unter anderem auf die Konsequenzen der Riester-Rente für das Niveau der gesetzlichen Rente und die Kosten der staatlichen Förderung eingegangen werden. In der Begründung ihres Antrages stellen die Abgeordneten in Frage, dass nach den Rentenreformen der vergangenen Jahre trotz der staatlich geförderten Altersvorsorge der Lebensstandard im Alter gehalten werden kann. Zudem komme der "Paradigmenwechsel" in der Alterssicherung die Beschäftigten teuer zu stehen.
„Riestern lohnt sich nicht!!“ Überprüfen Sie Ihre eigenen Verträge, falls Sie welche haben. Albrecht Müller in NachDenkSeiten vom 10.03.08
Seit langem schon informieren die NachDenkSeiten darüber, warum mit der Privatisierung der Altersvorsorge aus volkswirtschaftlicher Sicht ein falscher und gefährlicher Weg beschritten worden ist (z.B. hier, mit vielen Links auf weiterführende Artikel). Auch auf das grundsätzliche Risiko für den Einzelnen, aufgrund der überhöhten Renditeversprechen von den Versicherungsunternehmen im Alter erheblich weniger als erhofft zu erhalten, haben wir bereits mehrfach hingewiesen.
Inzwischen erreichen uns immer mehr Hinweise auf kritische Kunden, die sich der Mühe unterzogen haben, die Angebote der Versicherungsunternehmen genau durchzurechnen. Gerhard Krug aus Görwihl etwa kommt auf seiner Website: Riesterrentenbetrug nach einem Vergleich mehrerer Angebote für eine Riester-Rente mit der Anlage in Bundes- und Industrieanleihen zu einem eindeutigen Ergebnis: „Riestern lohnt sich nicht!!“. Albrecht Müller.
Blüm: Riester-Rente treibt Kleinverdiener in Armut sueddeutsche.de/schä in Süddeutsche Zeitung vom 30.01.08
Niedrigverdiener werden durch die Riester-Rente im Alter noch tiefer in die Armut getrieben, sagt der frühere Bundesarbeitsministers Norbert Blüm. Für die Zukunft der gesetzlichen Rente sieht der CDU-Politiker schwarz.
"Die Lage der Ärmeren wird durch die Riester-Rente nicht nur nicht verbessert, sondern sogar verschlechtert", schreibt Blüm in der Zeit.
Die Riester-Rente senke das Alterseinkommen "aller, die nur auf die gesetzliche Rentenversicherung angewiesen sind“, erklärt der CDU-Politiker, der in seiner Amtszeit als Minister noch medienwirksam "Die Rente ist sicher" auf eine Litfasssäule plakatiert hatte.
Nach Angaben Blüms senkt der vierprozentige Beitrag zur Riester-Rente die Nettolohnquote und das davon abhängige Rentenniveau. Von der Absenkung des Rentenniveaus infolge der Einführung der Riester-Rente seien also auch jene Rentner betroffen, die gar keinen Beitrag zur Riester-Rente zahlten und deshalb auch keine Riester-Rente erhielten.
Der von ihm aufgezeigte Mechanismus verschärfe die bekannte Tatsache, wonach die Riester-Rente im Alter auf die Grundsicherung angerechnet wird und so besonders arme Rentenempfänger von einer eventuellen Riester-Rente nicht profitieren können. Gewinner seien Bürger mit höheren Einkommen. "Das ist eine originelle Premiere in der deutschen Sozialpolitik: Der freiwillige Beitrag der Stärkeren wird zum Maßstab für alle. Die Schwachen zahlen eine Rechnung mit für Leistungen, welche die Stärkeren erhalten", klagt Blüm.
Regierung schönt Arbeitsstatistik Maike Rademaker (Berlin) in Financial Times Deutschland vom 22.01.08
Gegen die geplante neue Definition von Arbeitslosigkeit bei Älteren regt sich erbitterter Protest. Die Regel, mit der die Arbeitslosenstatistik auch künftig erheblich gedrückt werden soll, wird als "Statistiktrick" gegeißelt.
Arbeitgeber, Arbeitnehmer, Sozialverbände und die Bundesagentur für Arbeit (BA) haben einmütig gegen die geplante neue Definition von Arbeitslosigkeit bei Älteren protestiert. Die Bundesvereinigung der Arbeitgeberverbände (BDA) bezeichnete die neue Regel als "Statistiktrick", mit dem Reformbedarf vernebelt werde.
Absurde Arbeitsstatistik Leitartikel in Financial Times Deutschland vom 22.01.08
Wer sucht, der findet, sagt der Volksmund. Wer nichts mehr findet, der sucht auch nichts mehr, ist der neueste arbeitsmarktpolitische Salto der Koalition. Absurder und psychologisch verheerender geht es kaum.
Nach den Gesetzesplänen der Regierung sollen ältere Arbeitslose ab dem 58. Lebensjahr, die seit einem Jahr kein Jobangebot mehr erhalten haben, künftig automatisch aus der Arbeitslosenstatistik gestrichen werden. Aus einer Option, die ältere Langzeitarbeitslose bisher schon freiwillig wahrnehmen konnten, würde damit der Regelfall.
Und im Klartext die Botschaft: Wer als Älterer keinen Job mehr findet, ist nicht mehr arbeitslos, sondern für den Arbeitsmarkt schlicht unbrauchbar. Selbst als Nummer in der Statistik wird er in diesen Fällen überflüssig.
Dass eine solche Regel dramatischen politischen Flurschaden anrichten kann, müsste eigentlich jeder sofort merken, der nicht völlig in großkoalitionärer Selbstherrlichkeit versunken ist.
Zum einen ruiniert der Taschenspielertrick die Glaubwürdigkeit der so geschönten Statistik. Vor allem aber dementiert die Politik damit auf geradezu zynische Weise selbst, was sie in Sonntagsreden immer wieder predigt: Ältere Arbeitnehmer werden gebraucht, ihre Bindung an den Arbeitsmarkt ist eine der wichtigsten Aufgaben der Zukunft. Ach ja, wirklich?
Schon das populäre Vorhaben, Älteren länger das reguläre Arbeitslosengeld zu zahlen, ist ein vergiftetes Geschenk: Es kann dazu führen, dass Ältere wieder schneller entlassen und später eingestellt werden. Wenn sie bald noch dazu bei längerer Jobsuche mit dem Stempel "hoffnungsloser Fall" aussortiert werden, ist das ein fatales Signal. Die immer weiter wuchernden Spezialprogramme zur Unterstützung Älterer sind da nicht mehr als teure Trostpflaster.
Anmerkung: Da dann spätestens ab 63 weiterhin mit der Zwangsverrentung zu rechnen ist nach Wegfall der 58iger-Regelung, dürfte es dan weitere Altersarmut geben - zumal die Grundsicherung im Alter erst bei Vollrenten ab 65 greifen soll, aber sehr einschneidende Vermögensanrechnungen kennt (max 2.600 € sind erlaubt beim Vermögen). Im Gegensatz dazu sind bei Hartz IV gerade bei vor 1948 geborenen Vermögensbestände von 520 € pro Lebensjahr und Person (max. 33.800 €) als Schonvermögen erlaubt.
Hier steht also dann die nächste massive Enteignungswelle zur weiteren Verarmung vor der Tür.
Arbeitgeber verurteilen Kritik an Riester-Rente Leitartikel in Financial Times Deutschland vom 13.01.08
Die Arbeitgeber haben die Kritik an der staatlich geförderten Riester-Rente als "Aufruf zum Sozialleistungsmissbrauch" zurückgewiesen. Ihnen zufolge ist es unverantwortlich, das "hervorragende Modell" mit falschen Behauptungen madig zu machen.
Man dürfe nicht Bürger vom Abschluss eines Altersvorsorgevertrags abhalten, teilte die Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA) am Sonntag in Berlin mit. Das ARD-Magazin "Monitor" hatte berichtet, für viele Geringverdiener werde sich Riester nicht lohnen, weil die Auszahlungen im Alter mit der Grundsicherung verrechnet werden. Bundesweit gibt es fast zehn Millionen Verträge.
Anmerkung: Ein mehr als nur durchsichtiges Manöver der Arbeitgeberverbände. Geht es denen doch ausschliesslich um die Absenkung ihres Anteiles an der Sozialversicherung und die direkte Erhöhung des Eigenanteiles eben über diese ausserhalb der normalen Rentenversicherung laufenden staatlich geförderten Selbstversorgermodelle zum Nachteil der Sozialversicherten. Sobald bei Politik und Arbeitgebern die Begrifflichkeit "Selbstverantwortung" auftaucht, heisst es schlicht aufzupassen, an welcher Schraube erneut gedreht werden soll.
Mit einer steuerfinanzierten Mindestrente würde die gesetzliche Rentenversicherung sturmreif geschossen. Wolfgang Lieb in NachDenkSeiten vom 03.01.08
Der vom Vorsitzenden des Sachverständigenrates für die wirtschaftliche Entwicklung Bert Rürup geforderte Kurswechsel in der Rentenpolitik durch Einführung einer steuerfinanzierten Sockel-Mindestrente für langjährig Versicherte über dem Niveau der heutigen Grundsicherung hört sich sozial an,
hinterlässt jedoch sogleich eine faden Beigeschmack. Schließlich sind einschneidende Verschlechterungen des Niveaus der gesetzlichen Rentenversicherung eng mit dem Namen Bert Rürup und der von Ex-Kanzler Schröder eingesetzten „Rürup-Kommisssion“, verbunden: Drastische Absenkung des Rentenniveaus im Zuge der Rentenreform von Riester, der Einführung des Nachhaltigkeitsfaktors durch Rot-Grün sowie der „Rente mit 67“ durch die Große Koalition.
Schließlich sind einschneidende Verschlechterungen des Niveaus der gesetzlichen Rentenversicherung eng mit dem Namen Bert Rürup und der von Ex-Kanzler Schröder eingesetzten „Rürup-Kommisssion“, verbunden: Drastische Absenkung des Rentenniveaus im Zuge der Rentenreform von Riester, der Einführung des Nachhaltigkeitsfaktors durch Rot-Grün sowie der „Rente mit 67“ durch die Große Koalition.
Von Ursula Engelen-Kefer ehemals DGB-Vizechefin und Mitglied der sog. Rürup-Kommission.
Älteren Erwerbslosen droht Zwangsverrentung Peter Nowak in Telepolis vom 26.10.07 Bis zu 360.000 Menschen in Deutschland wären davon betroffen. Beim SPD-Parteitag ist es kein Thema
Während auf dem dem SPD-Parteitag viel über einige Modifizierungen der Hartz IV-Gesetze diskutiert und dabei akribisch darauf geachtet wird, dass die Substanz der Gesetze nicht angetastet wird, droht weitgehend unbemerkt von der Öffentlichkeit eine massive Verschlechterung für ältere Erwerbslose. Ab dem 1. Januar können ALG II-Bezieher, die das 60te Lebensjahr erreicht haben, zwangsverrentet werden.
Davon wären bis zu 360.000 Menschen betroffen, die zuvor größtenteils über die sogenannte 58. Regelung nach § 428 SGB II geschützt waren, aber zum 31.12.2007 ausläuft.
Wenn diese Regelung zum 1. Januar 2008 ausläuft, müssten diese Menschen in Rente gehen und dabei Minderungen bis zu 18% in Kauf nehmen. Das bedeute staatlich geförderte Altersarmut, warnte der Vorsitzende der Dienstleistungsgewerkschaft ver.di kürzlich auf einer Pressekonferenz in Berlin.
Denn zusätzliche Beihilfe durch Sozialhilfe würden die Zwangsverrenteten nur bekommen, wenn sie ihr Schonvermögen (PDF-Datei) bis auf eine Höhe von 1600 Euro aufgebraucht haben. Die Betroffenen müssten also Lebensversicherungen und private Altersversorgungen auflösen und zur Bestreitung ihres Unterhalts verbrauchen.
Das dürfte besonders jene Menschen gravierend treffen, die in den letzten Jahren durch massive Werbekampagnen zum Abschluss einer solchen privaten Lebensversicherung veranlasst worden sind. Schließlich wurde ihnen dort versprochen, dass sie damit für ihren Lebensabend sorgen könnten.
Wenn sie jetzt diese Rücklagen bis zum regulären Renteneintritt verbrauchen müssten, wäre gerade diese Alterssicherung konterkariert. Erwerbslosengruppen sehen gerade in dem Zugriff auf das Schonvermögen einen Grund, warum der Gesetzgeber die 58er Regelung auslaufen lassen will.
Anmerkung: Armut per Gesetz wird mit aller Macht weitergeführt über die Hartz IV Grenzen hinaus.
Blüm nennt "Bild"-Berichterstattung über gesetzliche Rente "Volksverdummung" Phoenix in Presseportal vom 09.02.2007 "Leser müssen misstrauischer gegenüber dieser Kampagne sein"
Bonn (ots) - Der ehemalige Bundesarbeitsminister Norbert Blüm (CDU) hat der "Bild"-Zeitung Kampagnen-Journalismus beim Thema
gesetzliche Rentenversicherung vorgeworfen. In der PHOENIX-Sendung "Im Dialog" (Ausstrahlung 09.02.07, 0.00 Uhr) sagte er: "Die Rente
wird madig gemacht - "Bild"-Zeitung vorneweg - je madiger sie gemacht wird, desto mehr klingelt das Geld in den Kassen der
Privatversicherung. Wenn es denen gelingt, nur zehn Prozent der Einnahmen auf ihre Mühlen umzuleiten, haben die zwanzig Milliarden
verdient. Da kann man schon mal ein paar Wissenschaftler bestechen."
Was die "Bild"-Zeitung mache, sei "nun wirklich Volksverdummung", so der ehemalige Sozialminister. "Das ist nicht die Zeitung des Kleinen
Mannes, sondern des großen Geldes." In dem Zusammenhang erwähnte Blüm einen von der Zeitung veröffentlichen Versicherungsvergleich über
einen Zeitraum von 30 Jahren zwischen der gesetzlichen Rentenversicherung und einer privaten Rentenversicherung.
Die Berichterstattung nannte Blüm "Volksverdummung". Wörtlich sagte Blüm: "Ich weiß auch warum." So habe die Allianz-Versicherung im August 2005 ihren Vertreter mitgeteilt, dass jetzt eine Kampagne von "Anzeige und Redaktion" kommen werde. Blüm wörtlich: "Die liegen im
Bett mit der Allianz, gleiche Brüder, gleiche Kappen. Da geht es um Bimbes, um Geld, nicht um Volksaufklärung." Den Lesern der "Bild" riet Blüm, "misstrauischer gegenüber dieser Kampagne" zu sein.
Kritisch beurteilte der ehemalige CDU-Politiker auch das Auftreten von Pensionsfonds: "Ich habe kein Interesse, dass die Pensionsfonds immer stärker werden. Das sind nämliche jene Institutionen, die unsere Unternehmenskultur kaputt machen. Das sind diejenigen, die
nichts anderes mehr im Hirn haben als Kurswert. (...) Die sind an Wertschöpfung, realen Gütern, gar nicht interessiert. Das ist ein reines Wettbüro." Diese Art von Kapitalismus werde jedoch "die nächsten 50 Jahre nicht überleben."
Die Wahrheiten zu den angeblichen Todsünden bei der Rente in BILD Deutsche Rentenversicherung in Presseportal vom 23.01.2007 Die Deutsche Rentenversicherung nimmt zu den angeblichen Todsünden in der heutigen Ausgabe von BILD wie folgt Stellung:
Die Rentenversicherung ist gar kein Spartopf
Die gesetzliche Rentenversicherung ist ein Umlageverfahren, d. h., dass die Beitragszahler von heute für die Rentner von heute aufkommen. Dieses
System ist keine Todsünde, sondern hat sich im Laufe der fast 120-jährigen Geschichte der gesetzlichen Rentenversicherung auch in
schwierigen Zeiten (Inflation, Nachkriegszeit, Wiedervereinigung) bewährt und die Rentenzahlung gesichert. Gerade bei der
Wiedervereinigung hat sich das umlage-finanzierte Rentensystem bewährt. Nur so war es möglich, für fast vier Millionen Ostrentner kurzfristig die Rentenzahlung zu übernehmen.
Zu lange zu hohe Renten
Auch die Rentner sollen in Zeiten des wirtschaftlichen Aufschwungs an dieser Entwicklung teilhaben. Deshalb ist ein wichtiger Faktor der
Rentenanpassung die Berücksichtigung der Lohnentwicklung. Dass die Rentenanpassung von der Bild-Zeitung als Todsünde bezeichnet wird,
verwundert sehr. Ansonsten kritisiert BILD bei jeder Gelegenheit die fehlende Rentenanpassung.
Wer künftige Beitragszahler in die Welt setzt, wird nicht belohnt
Kindererziehung wird in der gesetzlichen Rentenversicherung in erheblichem Umfang honoriert. So werden jetzt Kindererziehungszeiten
von drei Jahren anerkannt. Bis zur Vollendung des 10. Lebensjahres des Kindes werden Berücksichtigungszeiten anerkannt, eine
Teilzeitbeschäftigung oder die zeitgleiche Erziehung von zwei oder mehr Kindern wird zusätzlich rentensteigernd berücksichtigt. Dadurch
können Eltern zusätzlich Rentenansprüche erhalten, für die andere Versicherte bis zu 30.000 Euro Beitrag zahlen müssten. Die Aussage von BILD ist also falsch.
Auch Besserverdienende wurden 1968 in die Versicherung gezwungen und belasten die Rentenkasse am stärksten
Besserverdienende zahlen nur bis zur Beitragsbemessungsgrenze Beiträge auf ihr Arbeitsentgelt. So wird auch die mögliche Höchstrente aus der gesetzlichen
Rentenversicherung begrenzt. Von einer Belastung der Rentenkassen kann keine Rede sein. Die Versichertengemeinschaft profitiert gerade von hohen Beitragszahlungen. Die Aussage von BILD ist also falsch.
Das Umlagesystem wird nach 1990 auf die neuen Länder übertragen und nicht aus Steuern finanziert
Das ist falsch. Was BILD scheinbar nicht bekannt ist: Die vereinigungsbedingten Mehrausgaben werden auch aus Bundeszuschüssen, also aus Steuergeldern finanziert!
Die Politiker haben die Überalterung zu spät berücksichtigt
Die vielfältigen Rentenreformen seit Anfang der 90er Jahre und die aktuell anstehende Reform "Rente mit 67" dienen gerade dazu, die Rentenversicherung langfristig zukunftsfest zu machen.
Unabhängige Wirtschaftsinstitute bestätigen, dass die Rentenversicherung ihre Hausaufgaben gemacht hat.
Die Berichterstattung der Bild-Zeitung zur Rente scheint nur noch ein Ziel zu haben:
Die gesetzliche Rentenversicherung zu diskreditieren und mit Halbwahrheiten Angst in der Bevölkerung zu schüren.
Hedge-Fonds: Wetteinsatz: Die Rente Heike Buchter in Die Zeit vom 24.09.2006 Pensionsverwalter spekulieren in den USA mit Geldern für die Altersvorsorge. Sie legen Milliarden in Hedge-Fonds an.
Bis vor fünf Jahren galten Hedge-Fonds noch als der Geheimtipp für wohlhabende Privatanleger, die sich auf der Suche nach Gewinnen nicht mit braven Renten- oder Aktienfonds begnügen wollten. Das hat sich rasant geändert, seit im Jahr 2001 die Börsen abgestürzt sind.
Wie Kleinanleger hatten sich auch Manager staatlicher Altersruhefonds und betrieblicher Pensionskassen von Börsenboom und New-Economy-Euphorie mitreißen lassen und kräftig in Aktien investiert. Als Folge sackte dann in den Jahren 2000 bis 2003 das Verhältnis zwischen Zahlungsverpflichtung und Deckung bei den öffentlichen Pensionsfonds in den USA von 112 Prozent auf 80 Prozent ab, so eine Studie der Beraterfirma Wilshire. Seither hat es sich nur mühsam auf 87 Prozent erholt. Nicht besser sieht es bei den unternehmenseigenen Pensionskassen aus: Auf der Höhe der Hausse 1999 wiesen die Pensionsfonds der Unternehmen des S&P 500 Überschüsse in Höhe von 280 Milliarden Dollar aus. Daraus ist eine Deckungslücke von rund 140 Milliarden Dollar geworden, wie die Ratingagentur Standard & Poor’s jüngst feststellte.
Unsicherheiten einer kapitalgedeckten Altersversorgung, über die kaum berichtet wird. Wolfgang Lieb in NachDenkSeiten.de vom 27.07.2006 Nahezu täglich können wir in unseren Medien Berichte über die Unsicherheiten oder gar den Niedergang der gesetzlichen Rente lesen. Verluste bei kapitalgedeckten Altersversorgungen bleiben im Dunkeln und die Opfer bleiben alleine oder müssen sich vor Gericht ihre Ansprüche erstreiten. Das Niedersächsische Oberverwaltungsgericht hat jüngst in zwei Urteilen das Finanzierungssystem des Versorgungswerks der niedersächsischen Zahnärzte für rechtswidrig erklärt.
Ein Kläger hatte dagegen geklagt, dass seine "Gesamtrente" von ursprünglich monatlich insgesamt 1.581,- € im Jahr 2002 über 1.498,- € im Jahr 2003 auf 746,- € im Jahr 2004 gesunken ist, weil die Rentenanpassungen gemindert wurden.
Nach den Urteilen vom 20. Juli 2006 wird dieses System seinem zuvor beschriebenen Regelungsauftrag nicht gerecht, den Rentnern lebenslang eine ihren Grundbedarf sichernde und den Kaufkraftverlust ausgleichende Altersrente zu zahlen. Die Zahnärztekammer Niedersachsen wird daher eine geänderte Fassung der Altersicherungsordnung beschließen müssen. Auf deren Grundlage hat dann das Altersversorgungswerk erneut darüber zu befinden, ob dem Kläger für die Jahre 2003 und 2004 eine höhere Rente zusteht. Gleiches gilt für eine Vielzahl weiterer Verfahren, in denen sich Zahnärzte mit Widerspruch oder Klage ebenfalls gegen die "Rentenkürzungen" gewandt haben.
Anmerkung: Interessanterweise gilt das für alle privaten Renten- und Kapitalversicherungen - wie auch gerade die zusammenkrachenden Rentenfonds in den USA bewiesen haben - egal was die Oberlobbyisten Rürup, Raffelhüschen, Miegel & Co. darüber verlauten lassen.
Ist die Deutsche Rentenversicherung willens, offensiv für ihr Produkt, die gesetzliche Rente, einzutreten? Zweifel sind angebracht. Albrecht Müller in NachDenkSeiten.de vom 26.07.2006 Albrecht Müller berichtet: Am 11. Juli war ich zu Gast im Stuttgarter Haus der Deutschen Rentenversicherung. Ich begann meinen Vortrag mit der Bemerkung, dass mich die Einladung in dieses Haus besonders gefreut hat. Denn so könne ich konkret wahrnehmen, dass es die Verwalter der gesetzlichen Rente, die Deutsche Rentenversicherung wirklich gibt. Ich hätte nämlich schon Zweifel bekommen, weil ich von der Deutschen Rentenversicherung wenig höre und sehe, wenn es darum geht, den täglichen Versuch der neoliberalen Ideologen und ihrer professoralen Speerspitzen abzuwehren, die gesetzliche Rente schlecht zu reden.
Die deutsche Rentenversicherung tue viel zu wenig, um den Angriff der privaten Versicherungswirtschaft und ihrer Helfer abzuwehren und das Vertrauen in die gesetzliche Rente zu stärken. Täglich hämmern uns wichtige Medien wie die Bild-Zeitung, meinungsführenden Politiker und Professoren wie Raffelhüschen und Miegel die Botschaft ein, die gesetzliche Rente reiche nicht mehr und sie sei unsicher. Die Aufklärung über diese massive Kampagne für die Privatvorsorge kann die Einrichtung, die die Beiträge der eigentlich Betroffenen einnimmt und verwaltet, doch nicht einfach anderen - wie zum Beispiel Monitor, den NachDenkSeiten oder Norbert Blüm – überlassen.
Die anwesenden Repräsentanten der deutschen Rentenversicherung fanden meine Kritik unberechtigt. Ich wollte nicht unhöflich sein und beharrte nicht darauf. Aber anschließend habe ich recherchiert und fand meinen Eindruck leider bestätigt. Die Verwalter des Umlageverfahrens, die Deutsche Rentenversicherung verteidigt nicht offensiv die gesetzliche Rente, sie wehrt sich nicht gegen die Kampagne der anderen Seite, ja in ihren Publikationen werden Zweifel am eigenen Produkt gemehrt und direkt und indirekt sogar Reklame für die private Konkurrenz gemacht.
EU bricht Lanze für Privatversicherer Ilse Schlingensiepen in Financial Times Deutschland vom 18.07.2006 Die EU-Kommission hat wegen eines Tarifvertrags zur betrieblichen Altersversorgung ein Vertragsverletzungsverfahren gegen die Bundesrepublik eingeleitet. Die Regelung ist privaten Versicherern schon lange ein Dorn im Auge.
Die Kommission stört, dass der Vertrag der Vereinigung der kommunalen Arbeitgeberverbände (VKA) und der Gewerkschaft Verdi als Anbieter nur die öffentlichen Zusatzversorgungseinrichtungen, die Sparkassen-Finanzgruppe - also die Sparkassen und die öffentlichen Versicherer - und die Kommunalversicherer vorsieht.
"Prognosen der Versicherer irreführend" ARD-Tagesschau vom 17.07.2006 Immer weniger Rendite bei der Rentenversicherung
Der Präsident des Bundesverfassungsgerichts, Hans-Jürgen Papier, hat vor einem Ungleichgewicht zwischen Rentenbeitragszahlungen und der später ausgezahlten Rente gewarnt. Es sei mit verfassungsrechtlichen Problemen zu rechnen, wenn die eingezahlten Beiträge bei weitem die späteren Rentenleistungen übersteigen würden.
Der Finanzwissenschaftler Bernd Raffelhüschen: "Immer mehr junge Menschen werden aus der Rentenversicherung weniger heraus bekommen als sie eingezahlt haben". Die Rendite-Prognosen der Rentenversicherer seien "immer schon viel zu optimistisch" gewesen. Der Rentenexperte Meinhard Miegel erklärte: "Die langfristigen Prognosen der Rentenversicherer von mindestens drei Prozent Rendite beruhen auf haltlosen Annahmen, die geeignet sind, die Bevölkerung weiter in die Irre zu führen."
Nach Berechnungen Miegels wird der Geburtsjahrgang 1930 eine Rendite von etwa drei Prozent erzielen. "Die Rendite des Jahrgangs 1950 wird nur noch ein Prozent betragen." Der Jahrgang 1970 und Jüngere könnten überhaupt keine positive Rendite mehr erwarten.
Anmerkung: Die Protagonisten der privaten Rentenversicherer sind sich hier mal wieder einig, die Sozialversicherung schlecht zu reden. Nur leider vergessen sie dabei zu erwähnen, dass dieses Problem ebenso auf die private Altersvorsorge zutrifft, bei der rund 40% der Beitragsleistung in den Versicherungskonzern "versickern". Eine sinnvolle und sanfte Überarbeitung der gesetzlichen Rentenversicherung tut schon lange Not - soweit ist das richtig - bevor diese gesteuert von den Wünschen der Versicherungsbranche von den Politikern weiter an die Wand gefahren wird.
Rente mit 67: » Gut gedacht, schlecht gemacht « Michael Westkamp - Vorstandsvorsitzender der Aachen-Münchener Versicherungen. in Financial Times Deutschland vom 15.06.2006 Die Rente mit 67 kommt. Dadurch können Bürger auch privat länger fürs Alter sparen - doch ausgerechnet die Regierung konterkariert das, weil sie zusätzlich erzielte Erträge nicht von der Steuer befreit.
Derzeit gilt für diese vor 2005 abgeschlossenen Policen folgende Regelung: Die Versicherung muss mindestens zwölf Jahre laufen - dann ist der gesamte Auszahlungsbetrag einschließlich der enthaltenen Erträge einkommenssteuerfrei. Wer nun seinen Vertrag verlängern will, riskiert diesen Steuervorteil. Denn eine Verlängerung wird als neuer Vertrag gewertet und fällt unter die Steuerregelungen des 2005 in Kraft getretenen Alterseinkünftegesetzes. Die auf die zusätzliche Laufzeit entfallenden Erträge sind steuerpflichtig. Selbst wenn ab dem Zeitpunkt, an dem die Verlängerung vereinbart wird, noch zwölf Jahre bis zur Fälligkeit bleiben, ist immer noch die Hälfte der zusätzlichen Erträge steuerpflichtig. Diese Erträge machen ein hübsches Sümmchen aus, schließlich fallen in der Phase vor Ablauf einer Lebensversicherung die höchsten Zinsen an.
Experten lehnen Rente mit 67 ab Thomas Luther Spiegel Online vom 15.06.2006 Ausgerechnet bei einer von der Bundesregierung eingesetzten Expertenkommission stoßen die Rentenpläne der Großen Koalition auf Ablehnung. Die Experten halten nichts davon, das Renteneintrittsalter auf 67 Jahre zu erhöhen. Sie kritisierten dem Blatt zufolge auch die Rentenentwicklung der vergangenen Jahre. Es bestehe die Gefahr, dass die gesetzliche Rente wegen der verringerten Leistungen zunehmend an Legitimation verliere, wenn für einen Großteil der Versicherten selbst nach langer Versicherungsdauer kaum noch eine Rente zu erwarten sei, "die deutlich das Niveau armutsvermeidender Sozialleistungen" übersteigt". Wenn die zwischen 2001 und 2004 beschlossenen Reformgesetze, die stufenweise in Kraft treten sollen, schon heute voll wirksam wären, läge die Rente etwa ein Viertel niedriger.
Zehn Experten, elf Meinungen Thomas Luther Die Zeit vom 07.06.2006 ZEIT-online-Leser debattieren über die richtige Altersvorsorge. Lohnt die staatliche Förderung bei Riester oder Rürup? Die Antwort ist nicht einfach, schreibt der Kolumnist.
Fragt man zehn Experten, bekommt man elf Meinungen. Denn auch Experten verfolgen ihre eigenen Interessen. Wer zum Beispiel Herrn Rürup zur privaten Altersvorsorge befragt, wird kaum erwarten können, dass er die nach ihm benannte geförderte Rente in Grund und Boden redet. Auf der anderen Seite treibt die schärfsten Kritiker nicht selten Profilierungssucht und gekränkte Eitelkeit an. So wird so mancher radikale Saulus zu einem lammfrommen Paulus, wenn er selbst in eine der mittlerweile so beliebten Expertenkommissionen berufen wird.
Der zweite Punkt ist, dass die Altersvorsorge an sich eine sehr individuelle und gleichzeitig komplexe Sache ist. Das macht es schwierig - bisweilen sogar unmöglich -, Lösungen für einzelne Probleme zu finden. Es gibt einfach kein Patentrezept. So hat jede Vorsorgevariante und Anlagemöglichkeit ihre Tücken und Nachteile. Und was für einen 45-jährigen Familienvater mit zwei Kindern das einzig Richtige ist, kann für einen 18-jährigen Berufseinsteiger vollkommen falsch sein.
Nach der Zerstörung des Vertrauens in die Arbeitslosenversicherung durch Hartz IV folgen jetzt vermehrt die Angebote zur Privatvorsorge Albrecht Müller NachDenkSeiten vom 23.05.2006 Ein aufmerksamer Nutzer der NachDenkSeiten macht uns darauf aufmerksam. Er schreibt: (AM)
"Ich weiß nicht, ob Sie schon was etwas darüber gebracht haben, aber mir ist es erst heute bei einem Bankbesuch aufgefallen, die private Arbeitslosenversicherung wird massiv beworben .
Jawohl, genau das, worauf wir alle gewartet haben. Nicht nur die private Kranken- und Rentenversicherung, nein, jetzt gibt es auch die Arbeitslosenversicherung. Jetzt, da wir uns den Sozialstaat nicht mehr leisten können, weil die "Vollkaskomentalität" der Deutschen ihn so teuer macht, jetzt gibt es die Rettung: den privaten Sozialstaat! Er kostet zwar genausoviel, wie der staatliche, na ja vielleicht auch ein Bisschen mehr, aber er ist eben privat, also jetzt können wir uns ihn leisten! Rundumversichert, mit Vollkasko, der privaten Versicherungswirtschaft sei dank!
Na gut, vielleicht ist die private Arbeitslosenversicherung nicht ganz neu; als Teil der Restschuldversicherung gibt es sie schone länger, aber sie ist mir erst heute als eigenständige Versicherung aufgefallen."
Und noch eine Mail vom gleichen Nutzer:
"Eine Ergänzung: Dieser Artikel ist aus dem Frühjahr 2005, ist aber noch aktuell und auf jeden Fall typisches Privatisierungsgelabber: www.uni-kiel.de
Und noch eine Werbung: www.top-versicherungsvergleiche.com
Interessant, wie sich die für unerläßlich verkaufte Straffung des Arbeitslosengeldes und der Arbeitslosenhilfe nach dem Motto, "Weg von der Vollkaskomentalität", in den Werbetexten der privaten Versicherungen wiederfinden. Dort ist das alles natürlich furchtbar, aber zum Glück kommen diese selbstlosen Helfer, um uns zu retten.
Kai Diekmann, Chef-Feigling von BILD? Saar Echo vom 16.05.2006 Ex-Minister Norbert Blüm will sich gegen das Boulevard-Blättchen wehren, doch der Chefredakteur flüchtet sich in Ausreden Hamburg/Berlin. Norbert Blüm hat die BILD-Zeitung zu einem öffentlichen Disput über die Rente und die Kampagne von Bild gegen die gesetzliche Rente aufgefordert. Seit Wochen. Der Chefredakteur der Bild-Zeitung, Kai Diekmann, jedoch kneift. Norbert Blüm hat uns seinen abschließenden Brief zur Verfügung gestellt. Dieser eignet sich trotz des ernsten Gegenstandes auch zum erheiternden Vorlesen bei entsprechenden Gelegenheiten. Hier ein Ausriss.
Blüm schreibt: Lieber Herr Diekmann, vor Wochen habe ich Sie zu einem öffentlichen Disput über ”BILD und die Rente” aufgefordert. Dass ich auf eine Antwort von einem so wichtigen Mann, wie Sie es sind, Herr Diekmann, so lange warten musste, dafür habe ich Verständnis. Vom Papst zu Bush eilend, zwischendurch auch noch dafür zu sorgen, dass Sex und Porno in BILD ausreichend untergebracht werden und nebenbei noch älteren Staatsmännern auf dem Schoß sitzen, ist selbst für einen so talentierten Chefredakteur, wie Sie es sind, viel Arbeit. Hinzu kommt noch der Zeitaufwand für eine Rentenkampagne, wie BILD sie losgetreten hat. Das ist schließlich kein Pappenstiel. Manipulation von Statistiken und Diffamierungen sind nicht mit leichter Hand zu machen.
Einfache Interviews werden dann von BILD als ”Verhör” angeboten, um in der Staffage der Kriminalisierung von Verteidigern des Rentensystems auch nichts auszulassen. Das alles und noch mehr muss schließlich strategisch geplant und organisiert werden. Auch die Wissenschaftler, die Sie zu Zeugen aufrufen, sind nicht nur viel Geld wert, sondern müssen auch noch betreut werden. Ihr statistisches Material wird von einem Institut geliefert, das der Deutschen Bank nahe steht. Es strotzt aus allen BILD-Zeilen ein willfähriger Lobbyismus.
- ZDF macht weiter mit der Propaganda gegen die solidarische Rente
Albrecht Müller NachDenkSeiten vom 15.05.2006 Ein wichtiger Hinweis einer unserer Leserinnen(der Nachdenkseiten): "Unter dem Titel 'Stuhl zu vermieten' berichtet Mona Lisa in der Sendung vom 14.5. von Beschäftigten, die sich aus der Renten- und Arbeitslosenversicherung durch Selbständigkeit verabschieden, mit den üblichen Argumenten, dass die gesetzliche Rente nicht sicher sei. Ein groteskes Beispiel ist das der Kosmetikerin, die statt dessen in Aktien investiert. Aber lesen Sie selbst ." (AM)
Pikant ist auch hier, dass als Experte Adrian Ottnad vom Institut für Wirtschaft und Gesellschaft in Bonn zur Sprache kommt, bekanntlich das private Institut mit den Vorständen von Meinhard Miegel und Kurt Biedenkopf und vielfach über Gutachten verbunden mit dem Deutschen Institut für Altersvorsorge (DIA), einem Anhängsel der Deutschen Bank. Andere Meinungen zu Risiken der privaten Versicherung wurden nicht gebracht. Das öffentlich-rechtliche Fernsehen scheut sich wieder einmal nicht, einseitig Einfluss zu nehmen.
- Plasberg, hart aber wohl nicht fair!
Wolfgang Lieb/Albrecht Müller NachDenkSeiten vom 12.05.2006 „Eine politische Talk-Show ist schnelllebig. Auch in 90 Minuten bleibt oftmals keine Zeit, Aussagen der Gäste auf ihren Wahrheitsgehalt hin zu prüfen. Deshalb hakt "Hart aber fair" nach und lässt einige Behauptungen von renommierten Experten unter die Lupe nehmen. Sind sie wahr oder entbehren sie jeder Grundlage? Die Antworten gibt es am Tag nach der Sendung, hier im Faktencheck.“ So heißt es auf der Website des wdr zu Frank Plasbergs Sendung vom 10.5.06 zum „Reizthema“ „Arm trotz Arbeit“. War Plasberg bei der Auswahl seiner Experten aber wirklich fair?
- NDR kritisiert Beckmann wegen Werbeauftritten
Spiegel Online vom 10.05.2006 Nach ZDF-Moderator Johannes B. Kerner steht nun auch ARD-Talker Reinhold Beckmann wegen seiner Werbeauftritte in der Kritik seines Dienstherrn. NDR-Chefredakteur Volker Herres kritisierte Beckmann nach Zeitungsinformationen wegen möglicher Interessenskollisionen. Hamburg - Beckmann, der für einen privaten Rentenanbieter als Werbefigur arbeitet, hatte im März eine Sendung zum Thema Altersvorsorge gemacht. "Allein die Tatsache, dass Beckmann parallel für die private Vorsorge Werbung macht, reicht, um den Anschein einer Kollision von Interessen zu erwecken", sagte Herres in einem internen Interview des Senders, das der "Financial Times Deutschland" laut Vorabbericht vorliegt.
- Auch Reinhold Beckmann ist in Diensten der Versicherungswirtschaft und nutzt die ARD im Sinne der Privatvorsorge
NachdenkSeiten.de vom 11.04.2006 Unsere Nutzer sind gut im Recherchieren. Jürgen Amrhein hat uns am 10.4. das Ergebnis seiner Recherchen geschickt. Nach den in den NachDenkSeiten schon dargestellten Verflechtungen der Professoren Raffelhüschen, Rürup, Sinn und Miegel sowie Harald Schmidts Werben für Miegel fällt jetzt das Licht auf Reinhold Beckmann. Wie ich finde ein beachtenswerter Vorgang. Die ARD sollte auf solche Moderatoren verzichten. Andernfalls beschädigt sie ihr Image nachhaltig. Lesen Sie die Mails den Fall Beckmann betreffend. (AM)
Anschließend machte sich Beckmann gemeinsam mit Ruge in einer, wie ich fand, unbeschreiblich arroganten Art und Weise über CDU-Blüm her. Der schlug sich verhältnismäßig gut. Thema: "Die Renten sind sicher!". Blüm deutete an, dass die gerade laufende Renten-Kampagne eine Verschwörung der Bildzeitung und des Allianz-Konzerns wäre, was in der letzten Woche auch Recherchen des Fernsehmagazins MONITOR bestätigten. Der „Journalist“ Beckmann wollte davon aber nichts wissen. Beckmann, sonst ein eher schleimiger Fragensteller, unterbrach Blüm auffällig oft, immer dann wenn es gerade drohte spannend zu werden.
- Transkript der Beckmann Sendung mit Blüm und Nina Ruge
NachDenkSeiten.de vom 13.04.2006 Unsere Bitte, die Sendung abzuschreiben, hat sehr freundliche Reaktionen ausgelöst. Herzlichen Dank allen für das Angebot und jenen besonders, die sich gleich an die Arbeit gemacht haben. Die Abschrift des Gesprächs folgt unten. Nachlesen lohnt sich. Hier wird eine Sendung für Stimmungsmache zu Gunsten jener privaten Interessen benutzt, für die Beckmann und Nina Ruge als Testimonial engagiert sind bzw. waren. Siehe Tagebucheintrag vom 11.4. Es ist interessant zu sehen, wie gläubig oder eben interessengeleitet Beckmann und auch Nina Ruge die herrschenden Glaubenssätze nachbeten. Die ARD sollte ihren Moderatoren eine Pflicht-Fortbildung in Ökonomie verschreiben.
Vorher noch ein Hinweis auf einen anderen Link zu einem Beitrag eines Medienhandbuchs, der treffend mit der folgenden Überschrift versehen ist: „Reinhold Beckmann wird Versicherungsvertreter“:(AM).
Aber lesen Sie selbst, wie sich "Nobby" Blüm gegen die beiden gut bezahlten "moderierenden" Versicherungs-Lobbyisten Nina Ruge und Reinhold Beckmann zur Wehr setzt, die ihm immer wieder bei wichtigen Wahrheiten ins Wort fallen..
Übernommen von NachDenkSeiten.de
Transkript: Interview Beckmann (Be) mit Norbert Blüm (Bl).
Ko-Moderatorin (??) Nina Ruge (Ru). Weitere Gäste: Karl Moik, André Rieux.
ARD, 20. März 2006, 22.45 Uhr.
Bitte beachten: die Abschrift ist nicht autorisiert von der ARD, entspricht jedoch der Sendung:
Be: ...dass er heute hier ist. Dr. Norbert Blüm.
Bl: Vorsicht, ich bin auf dem Kriegspfad.
Be: Ja, ich merke das. Das Gift, das Adrenalin, schießt nur so 'rüber.
Bl: Von wegen, sechzehn Jahre gepennt...
Be: Er legt schon gleich los. Noch keine Frage gestellt...
Bl: Ah, das kann ja nur jemand... das ist das Papageien-Syndrom. Einer sagt's, und alle reden's nach, nicht wahr?
Be: Bisher hab' ich noch gar nichts gesagt.
Bl: Ja, Sie haben's ja zitiert. Sie haben ja nur Bild-Zeitung, täglich. Können die Rentner richtig...
Be: Die Bild-Zeitung lieben Sie inzwischen ganz besonders, ja? Was ist denn da los? Ich mein’, das sind ja Ihre Freunde früher gewesen!
Bl: Ja, für mich ist das nicht... das ist nicht das Blatt des "Kleinen Mannes", sondern das Organ des großen Geldes, um es gleich mal grob zu sagen.
Be: Warum denn das?
Bl: Na, bleiben wir erst mal... nicht so viel durcheinander.
Be: O.k. Also kommen wir zur Bild-Zeitung später. Geben wir noch mal das Foto, das wir eben gesehen haben. [Blüm vor 20 Jahren an der Litfaß-Säule beim Kleben eines Plakats:"Die Renten sind sicher"].
Bl: Gehn wir erst mal... die erste Behauptung...
Be: [unterbricht] Moment, darf ich eine Frage stellen? Dieses Foto ist zwanzig Jahre alt, aber jetzt wieder in allen Zeitungen natürlich zu finden, denn eins ist "sischer", wie Sie damals gesagt haben - die Rente. Dieser Satz gilt heute fast als Inbegriff der Volkstäuschung. Würden Sie ihn heute noch mal so sagen, oder tut er Ihnen leid?
Bl: Das ist das... ich will ihn so sagen, wie ich ihn damals auch gesagt habe: Es gibt nichts Sichereres als unser Rentensystem. Allerdings hab' ich keine Riester-Rente gemacht, die die Sache verunsichert hat, ich habe auch nicht die Rücklage zurück genommen auf ein Fünftel der Monatsausgabe, das ist... wenn Sie das Thermostat falsch einstellen - zu niedrig einstellen - dann wird's im Zimmer kalt; da ist aber die Heizung nicht dran schuld, sondern das Thermostat. Und wenn man sagt, die Rentenbeiträge dürfen nie höher sein wie zwanzig Prozent, dann stürzen die Renten ab, und was soll denn die Lösung sein? Die Lösung soll sein: Versichert euch privat. Da bin ich auch dafür. Nur, die Privatversicherung kann die Rentenversicherung nicht ersetzen, das...
Be: [unterbricht] Gehen wir Stück für Stück durch, damit der Zuschauer es auch versteht. Wir haben eine veränderte Situation. [betont langsam und untermalt mit weit ausholender Gestik] Also, alle fragen sich, warum wussten unsere Politiker damals nicht, dass die Demographie eine andere sein wird, also die Überalterung der Gesellschaft, der Geburtenrückgang aufgrund der Babypille, und alles, was dazu kam. Die Politiker hätten doch wissen müssen, dass es demographisch darauf hinaus läuft, dass die Renten irgendwann nicht mehr finanzierbar sind. Was sagen Sie dazu?
Bl: Ja, bleiben wir bei dem Thema. Ich war kaum im Amt, als ich bereits reagiert habe. Die Marktplätze waren voll mit Demonstranten, wir haben den Krankenversicherungsbeitrag der Rentner eingeführt, wir haben die nettolohnbezogene Rente, das war die erste demographische Antwort, Herr Beckmann, falls es Ihnen entgangen ist.
Be: Ich höre Ihnen weiter sehr gern zu...
Bl: Ich bitte: Ganz langsam zum Mitschreiben. Die Netto... umkämpfte Nettolohnrente funktioniert so: Wenn der Beitrag der Jungen steigt, dann sinkt die Rentenanpassung. Das ist ein... auch eine demographische Antwort. Wenn aus demographischen Gründen der Beitrag steigt - aus Gründen auch der Arbeitslosigkeit - dann können die Rentner nicht mehr die gleichen Rentenerhöhungen haben wie früher. Wir haben die beitragsfreie Zeit reduziert, wir haben eine demographische Formel eingeführt, und, Herr Beckmann, selbst wenn die doppelte Anzahl von Kindern geboren wird, Sie und ich, wir wünschen uns das alle [lächelt]... ich finde eine Gesellschaft mit Kindern viel schöner, nicht nur aus Rentengründen. [laut] Selbst wenn die doppelte Anzahl von Kindern geboren wird, die Kinder aber keine Arbeit hätten, wäre gar nichts gewonnen. Wenn Kinderzahl die Rente retten würde, müssten sie in Indien eine hervorragende Alterssicherung haben. Afrika müsste ja eine glänzende Rentenversicherung haben...
Be: [unterbricht] Sie müssten Arbeit haben...
Bl: Also ist das das Hauptthema. Und was...
Be: [Einwurf] Beides.
Bl: Und was gibt die Privatversicherung da für eine Antwort? Die soll ja der Retter sein. Hören Sie mal, die hat für den Arbeitslosen überhaupt nix. Der hat nämlich keinen Beitrag. Der geht leer aus. Für den Erwerbsunfähigen, der mit dreißig Jahren erwerbsunfähig wird, der schaut in die Röhre, bei der Privatversicherung. In der Rentenversicherung wird er behandelt, als hätte er weiter Beitrag gezahlt. Ich sage nicht, dass Privatversicherung als Ergänzung [lässt ein zweites "nicht" aus] gut wäre. Aber ersetzen kann sie unsere Rentenversicherung nicht, und ich behaupte, dass die Rentenversicherung deshalb so madig gemacht wird, damit das Geld in der Kasse der Privatversicherung besser klingelt. Allianz ist der Gewinner der Bild-Kampagne. Und die Bild arbeitet ja auch mit Allianz zusammen...
Be: [unterbricht] Das heißt, Sie sprechen in jedem Fall von einer Kampagne.
Bl: Von einer Kampagne.
Be: Die gestartet wird, um die Privatversicherung auf die Art und Weise zu fördern...
Bl: [Einwurf] Durchgehend. Je mehr ihr die Rentenversicherung kaputt redet... wir sind ja insoweit... die wissen ja gar nicht, was die anrichten, die wissen gar nicht... jetzt... ja, mal langsam!
Be: [versucht zu unterbrechen]
Bl: Die wissen ja gar nicht, was sie anrichten. Das bringt mich deshalb so hoch: Ich kenne nämlich viele ältere Leute, die meinen, morgen wird die Rente nicht mehr bezahlt, die meinen, die wär' zahlungsunfähig...
Be: [Einwurf] Völlig große Verunsicherung...
Bl: ... und ich war ja 'neunundachtzig, ich war ja 'neunzig, als auch diese Plakate, auf die Sie sich berufen... ich war in der damals, der endenden DDR. Wissen Sie, was die Hauptsorge der älteren Generation war? Dass sie noch eine Rente bekommt. Die sind vom Adolf betrogen worden, vom Honecker, und jetzt haben die Angst gehabt, dass sie in dem vereinten Deutschland keine Rente mehr bekommen. Um auch denen Vertrauenswerbung zu machen, ohne, dass ich die Probleme wegrede ... rede ich nicht weg...
Be: Dann lassen Sie uns mal anfangen, über die Probleme zu reden.
Bl: [Einwurf] Bitte.
Be: Herr Doktor Blüm, Nullrunden seit 2004, die Nullrunden hören nicht auf. Die Inflation wächst und wächst. Also: Können Sie verstehen, dass die Rentner natürlich verunsichert sind, dass sie Angst haben, dass die Rente nicht mehr so stabil ist, wie sie mal war?
Bl: Ja, und wenn das so stimmt, unser System, wie es angelegt ist, dass Jung und Alt in einem Boot sitzen: Wenn die Löhne nicht steigen, dann steigen die Renten auch nicht. Nur - so, wie es die Bild-Zeitung gemacht hat, bleiben wir bei der. Die hat gerechnet, für die nächsten dreißig Jahre...
Be: [unterbricht] Nee, ich möchte, dass...
Bl: [ungehalten] Ja, doch!...
Be: ... Sie auf meine Frage antworten, und nicht irgendwie die Bild-Zeitung - die legen wir jetzt erst mal beiseite..
Bl: [unterbricht] Ja, doch, das ist... woll’n wir jetzt mal Aufklärung betreiben, wo soll ich das denn sonst machen? - Zwei Prozent Preissteigerung rechnen die den Leuten vor. Dreißig Jahre, jedes Jahr zwei Prozent. Und gleichzeitig ein Prozent [Steigerung der] Löhne. Wenn das eintritt, dass die Löhne ein Prozent steigen und die realen Einkommen sinken, weil die Preise höher [steigen]. Dann wird...
Be: [unterbricht] Wem erzählen Sie das?
Bl: Ja, ich schätze jetzt, allen. Das kann man gar nicht genug erzählen. Dann ist nicht nur die Rente gefährdet, dann ist die Bild-Zeitung auch gefährdet. Dann gibt's nämlich niemanden mehr, der die Bild-Zeitung kaufen kann.
Be: [unterbricht] Herr... also... jetzt müssen wir erst mal eins klarstellen... Herr Doktor Blüm, es ist doch nicht nur die Bild-Zeitung, es ist eine Sorge, die sich bei allen breit macht...
Bl: [Einwürfe] Später ... Jawohl ... Richtig ... Ich versteh' die Sorgen.
Be: Ich weiß, Sie haben jetzt Ihr persönliches Feindbild mit der Bild-Zeitung gefunden...
Bl: [Einwurf] Nein, gar nicht!
Be: ...lasst uns bitte allgemein darüber reden - es ist doch ein Gefühl, das überall zu spüren ist. Und aufgrund der demographischen Entwicklung, die Frank Schirrmacher vor anderthalb, zwei Jahren beschrieben hat in seinem Buch:"Das Methusalem-Komplott", ist es ja beschrieben, dass die Rente in der Form nicht mehr finanzierbar ist, weil [weit ausholendes Gestikulieren] durch die Überalterung der Gesellschaft oben ganz, ganz Viele sind und unten ganz, ganz Wenige, die das finanzieren können. Glauben Sie noch weiter, dass das finanzierbar ist?
Bl: Und sagen Sie mir, welches System anstelle unserer Rentenversicherung das...
Be: [unterbricht] Das war nicht die Frage.
Bl: Doch. Es ist ja nicht damit zu tun, zu sagen, ja, ja, die Rente kann's nicht zahlen - wer soll's denn zahlen? Die Privatversicherung ist genau so abhängig von der demograph...
Ru: [unterbricht] Aber das würd' mich jetzt echt interessieren, die Antwort auf seine Frage. Glauben Sie tatsächlich, dass das finanzierbar ist, das System jetzt?
Bl: Ja. Ja...
Ru: [dreht sich zu Beckmann] Wie viel Milliarden hat der Bund jetzt schon letztes Jahr dazu geschossen?
Be: Zugebuttert laufend in den letzten Jahren. jetzt verhält sich der Beitrag von 19,4 auf 19,9...
Bl: Das will ich auch Ihnen erklären. Dieser Bundeszuschuss ist Abgeltung der versicherungsfremden Leistungen. Die Rentenversicherung zahlt nämlich Leistung, die gar nicht ihr Aufgabengebiet ist. Insofern entgeltet der Bund...
Ru: [unterbricht] Fein, aber die Milliarde ist gezahlt worden. Und das wird jedes Jahr mehr. Ich bitte Sie, also so lässt sich alles locker finanzieren. Es ist nur... ich bin genau so neugierig wie Sie...
Bl, Be: [Einwürfe] Ja, Sie müssen doch... Ja, und wohin...
Be: Herr Doktor Blüm, wo soll das Geld herkommen? Es kann demographisch nicht funktionieren. Sollen die Beiträge über zwanzig Prozent?
Bl: [Einwürfe] Ja... Ja...
Be: Über zwanzig Prozent?
Bl: Ja, natürlich...
Be: [aufgebracht] Warum denn das? Wer soll das alles bezahlen? Lohnnebenkosten schießen wieder nach oben, macht die Arbeit in Deutschland unattraktiv wie sonstwas...
Bl: [unterbricht] Herr Beckmann... Herr Beck... Also es gibt keinen...
Ru: [unterbricht] Erzählen Sie das mal den Fünfundzwanzigjährigen...
Bl: Ja, ich will's ja gerade sogar Fünfzigjährigen erklären. Wenn Arbeitslosigkeit ist, dann gibt's kein System der Welt, das das in Null auflösen kann. Und so wird auch denen - wenn Sie sagen, zwanzig Prozent ist das Höchste, heißt ja die Empfehlung - wenn du dann Renteneinkünfte brauchst, musst [du] dich privat zusatzversichern. [zu Ruge] Jetzt erzählen Sie mir mal, wo die Verkäuferin, mit tausend Euro vielleicht, wie die vier Prozent abzweigen kann. Die sagen dauernd, und das regt mich so auf, zwanzig Prozent ist das Höchste. Aber was man dann privat ersatzweise bezahlen soll, wird doch nicht vom lieben Gott bezahlt. Und das ist teurer als die Rentenversicherung.
Denn fünfundzwanzig Prozent, zwischen fünfzehn und fünfundzwanzig Prozent der Privatversicherung sind schon mal Verwaltungskosten. Bei der Rentenversicherung sind's eins komma fünf. Sie müssen die ganzen Drückerkompanien ja mitbezahlen. Sie müssen die Aktionäre bezahlen. Und wenn... das ist ja vom Kapital abhängig. Sehen Sie sich mal den internationalen Kapitalmarkt an. Auf dem deutschen Kapitalmarkt sind in achtzehn Monaten sechshundert Milliarden durch den Kamin gerauscht. Vernichtet. Können Sie sich vorstellen, in der Rentenversicherung wären sechshundert Millionen... sechshundert Milliarden, drei Jahresausgaben, vernichtet worden?
Ru: Schauen Sie sich doch einfach mal in den USA an, die großen Pensionsfonds...
Bl: [Einwurf] Sind alle am Wackeln.
Ru: ... sind alle kapitalgestützt, sind überhaupt nicht alle am Wackeln...
Bl: Von hundert... Da hab' ich Zahlen. [auf Geste von Ruge] Die sind schon verlässlich. Von hunderteinunddreißigtausend Pensionsfonds der Vereinigten Staaten haben gerade mal sechsunddreißigtausend überlebt. Der letzte, der wackelt, ist gerade der Pensionsfonds von General Motors. Die können weltweit...
Ru: [Einwurf] Das hat aber andere Ursachen...
Bl: Ja, wie auch immer - da verlassen sich die Leute drauf!
Be: Lasst uns doch...
Bl: Zahlungsunfähig! Die Rente ist gezahlt worden bei Währungsreform, im Krieg, bei Inflation...
Be: [unterbricht] Das will auch keiner bezweifeln. Das will keiner bezweifeln. Lassen Sie mich doch...
Bl: Arbeit ist das Thema.
Be: Jaaa, aber lassen Sie mich über die deutsche Situation sprechen. Wenn also die Schwierigkeit, und das hat Müntefering ja jetzt erklärt bei der Vorstellung des Rentenberichts, den er jetzt geliefert hat, wenn also die Finanzierung der Rente so nicht gesichert ist, ist ja die Aufforderung gegeben von der Bundesregierung, dass die Menschen sich zusätzlich privat eine Absicherung besorgen sollen...
Bl: [Einwurf] Das kostet auch Geld!
Be: ... So, warum sprechen Sie so dagegen, dass die Bundesregierung hier ein klares Wort spricht und sagt, es wird in Zukunft nicht mehr gewährleistet sein, dass die staatliche Rente...
Bl: [unterbricht und greift sich an den Kopf] Ich versteh' die Logik nicht, Herr Beckmann. Sie sagen, sie sollen sich privat versichern, das kostet ja Geld...
Be: [Einwurf] Zusätzlich.
Bl: ...aber über zwanzig Prozent darf nicht bezahlt werden. Ich sage... das kostet doch beides Geld! Und wenn Sie sagen, Arbeitgeber... angenommen, wir würden mal den Arbeitgeberbeitrag zur Sozialversicherung, das sind insgesamt zwanzig Prozent, den würde man wegfallen lassen...
Be: War denn die Äußerung von Müntefering unverantwortlich, ist er auch ein Handlanger der Privatversicherer?
Bl: Nein, das ist... das System fährt man wider die Wand, wenn man mit Höchstgrenzen arbeitet. Sicherlich, das hab' ich ja auch verlangt, die Renten steigen nicht mehr so, und wenn es Nullrunden bei den Löhnen gibt, gibt es auch Nullrunden bei den Rentnern. Ich würde bei den Löhnen allerdings auch nicht, wie bei der Rente, nicht vergessen, dass Löhne nicht nur Kosten sind, sondern auch Kaufkraft. Und wenn die Leute kein Geld mehr haben, was zu kaufen, dann nützt Ihnen die ganze Reform nichts. Wir haben inzwischen eine Volkswirtschaft, wo die Leute so in Angst und Schrecken versetzt wurden - selbst die Rentner, die Geld haben, geben kein Geld mehr aus, weil sie Angst haben.
Be: Wenn man Ihre Position sieht - in der CDU sind ja keine Geißlers, keine Blüms mehr zu finden, in der SPD fast auch nicht, was Sie jetzt sagen, Löhne rauf, Rentenbeiträge rauf, alles rauf, das klingt ja fast...
Bl: [unterbricht] Alles rauf, das hab' ich ja gar nicht...
Be: Doch, so ähnlich haben Sie eben formuliert, das klingt ja fast wie Lafo...
Bl: Nein, ich habe so...
Be: Das klingt ja fast wie Lafontaine!
Bl: Ja, wo er recht hat, hat er recht. Ich hab' ja nicht gesagt.. [Lachen von Ruge] ... ich hab' ja nicht gesagt, hoch, hoch und immer hoch...ich mein', ich hab' ja Reformen gemacht, und zwar mehr als alle meine Nachfolger, das nur mal nebenbei. Die Renten wären 2030 dreißig Prozent höher ohne die Reformen, die ich gemacht habe. Wir haben den Rentnern, offenbar unter Ausschluss der Öffentlichkeit, viele Opfer zugemutet. Freilich auch den Jungen. Und ich sage nicht: Beiträge auf Teufel komm 'raus. Nur - Sie dürfen das nicht so festschreiben, weil Sie ja dann von den Leuten verlangen, dass das, was die Rentenversicherung nicht leistet, sollte dann die Privatversicherung leisten. Diese Privatversicherung - soll ich's noch mal sagen? - kostet Geld. Und zwar mehr Geld - und ist unsicherer. Von sechsunddreißig Lebensversicherungen sechsundachtzig...
Be: [unterbricht] Ja, ja... das wissen wir ja jetzt, das...
Bl: ... haben nur, das hab' ich ja noch nicht... [jovial] hab' meine ganze Bombe ja noch nicht abgeladen...[Beckmann, Ruge lachen] ... von sechsundachtzig Lebensversicherungen haben in Deutschland sechsunddreißig den Stress-Test nicht bestanden.
Be: Den Stress-Test.
Bl: Den Stress, Sie... also, mit anderen Worten, die sind in Gefahr, wenn die Situation... - haben Sie da in irgend einer Zeitung was davon gelesen?
Be: Doch. Les' ich was davon...
Bl: Das muss aber 'ne Geheimzeitung sein.
Be: Ninneinneinnein, also ich hab'noch ne... hier ist noch 'ne kleine Bombe. Mehrere Politiker wie Norbert Geist von der CSU - Kurt Biedenkopf übrigens auch, ja - haben gefordert: Wer keine Kinder hat, [langsam, eindringlich] soll auch weniger Rente bekommen. Oder halt mehr einzahlen. Nina: Es war letzte Woche ein Thema. Karrierefrauen. In Deutschland. Beispielhaft standest du auch mit auf Seite eins. Muss Kinderlosigkeit - ich sag's mal so brutal - bestraft werden, indem zum Beispiel also weniger Rente dann nachher gezahlt wird oder Sie müssen mehr einzahlen? Was hältst du von diesem Vorschlag?
Ru: Ich find' diese ganze Diskussion, das ist ... ich glaube, dass wir in eine Zeit hinein laufen, in der wir alle mehr Eigenverantwortung übernehmen müssen und uns dem stellen müssen. Dass nicht mehr alles staatlich geregelt wird. Dass weder Kinderlosigkeit bestraft wird, noch, dass man sich mit zweiundzwanzig überlegen muss, ob man sein Leben lang fünfundzwanzig Prozent oder sechsundzwanzig Prozent in die Rentenkasse einzahlt, oder ob man nicht vielleicht sagt, ich bekomm' von meinen Eltern ein Haus geerbt, und ich möcht' eigentlich nicht so viel für meine Alterssicherung einzahlen, und ich möchte die Wahl haben... dass der Sozialstaat...
Bl: [Einwurf] Also jedem selbst zu überlassen?
Ru: Nein... also eine Grundsicherung muss auf jeden Fall da sein., gerade für diejenigen, die sehr, sehr, sehr wenig verdienen oder die durch's soziale Netz aus irgendwelchen anderen Gründen fallen. Aber dass wir alles über-regeln, bis hin zu wer keine Kinder hat oder wer Kinder hat, oder was...
Bl: [Einwurf] Über-Regeln will ich auch nicht.
Ru: ... das halt' ich einfach für schwierig. Und das halte ich in Zeiten der Globalisierung für besonders schwierig, weil es verdammt viele Länder gibt, in denen es anders läuft, in denen es anders auch nicht mit dem Level der Sicherheit läuft, das ist völlig klar, das muss man sich bewusst sein...
Bl: [Einwurf] Amerika!
Ru: Es gibt viele Länder, die uns im Augenblick angreifen in der Wirtschaft politisch, und mit Power! Schauen Sie sich einfach an, wer hier auch... äh... auch Finnland oder Irland, was die hingelegt haben im Vergleich zu uns.
Bl: Aber Amerika... Eigenverantwortung. Haste in New Orleans gesehen. Die Eigenverantwortlichen haben sich ins Auto gesetzt, sind weggefahren, die anderen sind in den...
Ru: Das ist absolut schändlich. Ja.
Bl: Sind in dem Wasser ertrunken. Ich bin für Eigenverantwortung...
Be: [Einwurf] Es gibt kein soziales Netz in der Form in Amerika, das ist klar...
Bl: ...aber ohne... ohne Solidarität funktioniert keine Gesellschaft.
Be: Ein Vorschlag. Einen Vorschlag, Herr Doktor Blüm. Sie leben es ja vor als Nebenerwerbs-Schauspieler. [salbungsvoll] Sie sind ja unterwegs auf den Bühnen, spielen bald in Worms, mal den Burgwächter bei der Inszenierung von Moritz Rinke, also Rente mit siebenundsechzig. Länger arbeiten statt auf Mallorca faulenzen - ist das das Programm? Ich mein', für Sie persönlich ist es das ja.
Bl: Ich war immer dafür, die Altersgrenze frei zu geben, das nicht vom Staat zu reglementieren, wir müssen nur den Zeitpunkt festlegen, von dem [an] es Rentenzuschläge gibt...
Be: Ist das der richtige Vorschlag, den Müntefering jetzt gemacht hat?
Bl: Der hat... den Vorschlag hat er nicht gemacht, und der Vorschlag, den ich gemacht habe...
Be: ... den Müntefering gemacht hat...
Bl: ...müsst' ich einmal erklären... freigeben, wissen Sie, an wem der gescheitert ist? - An der FDP und an den Arbeitgebern, weil dann der Betrieb sich nicht mehr verstecken kann hinter jemand...
Be: [unterbricht] Freigeben bis wie weit?
Bl: Freigeben die Altersgrenze und jeden Einzelnen bestimmen lassen, wann er in Rente geht. Allerdings - das Problem ist insofern im Moment relativ akademisch. Die Hälfte der Betriebe in Deutschland beschäftigt keinen Über-Fünfzig-Jährigen mehr. Und in einer solchen Situation, wo wir das Gesetz, das heute geltende Ziel, fünfundsechzig, nicht erreichen, siebenundsechzig anzugeben - Sie sind doch Sportreporter - das ist so ungefähr... ich reiße die Latte bei zwei Meter und sage: Zwei Meter habe ich nicht geschafft, deshalb lege ich sie jetzt auf zwei Meter dreißig. So ungefähr ist das. Da haben wir... da müssen wir doch erst mal sehen, dass Sie das jetzige Ziel erreichen, und wenn Sie das erreichen, dann können wir ja über Vieles reden. Aber wenn wir das jetzige Ziel nicht erreichen - und zumal muss ich sagen, dass es auch Berufe gibt, also tun Sie mal 'nen Maurer in den fünften Stock mit siebenundsechzig schicken - ich mein', das ist ja ein bisschen weltfern. Trotzdem sage ich: Das Hauptproblem sind nicht die Paragraphen.
Das Hauptproblem ist, dass die jetzige Generation, ihre... die jetzt geltenden Altersgrenzen erreicht; ich mein', die da entlassen werden; bei jedem Firmenzusammenschluss gibt's ja Entlassungen... die machen das doch nicht aus Spaß!
Be: [unterbricht] Sollten die Politiker da ein bisschen demütiger und beispielhafter voran gehen? - Also im Zuge der knappen Rentenkassen werden die üppigen Pensionen der Politiker heftig kritisiert, können Sie den Unmut der Leute verstehen?
Bl: Jaa, deswegen war und bin ich dafür, damit der ganze Streit aufhört, das, was in Nordrhein-Westfalen ja auch geschehen ist, dass auch die Mandatsträger, also die Politiker, in die Rentenkasse einzahlen, damit...
Be: Keine ausgewiesene, üppige Pension mehr für die Politiker, sondern Einzahlen in die Rentenkasse.
Bl: Alle... ich mein', dann haben wir den ganzen Streit weg, wenn wir eine Kasse haben, in der die Politiker auch einzahlen, die Rentenkasse, dann beschließen sie Renten, die sie selber betreffen.
Be: Wie gut sind Sie eigentlich versorgt?
Bl: Ich bin nicht...
Be: Lange Abgeordneter, sechzehn Jahre Minister...
Bl: Ich bin kein Rentenfall, der hier klagen müsste. Ich mein', Sie brauchen das Thema auch nicht zu privatisieren. Es geht nicht um Norbert. Ich hab nicht... ich reg' mich hier nicht auf, wegen... weil ich betroffen bin. Ich rege mich...
Be: [Einwurf] Haben Sie eine Privatversicherung noch zusätzlich angelegt?
Bl: Nö, hab' ich nicht. Ich würd' noch mal sagen: Ich hab' gar nichts gegen Privatversicherung. Als Ergänzung, als Spielbein. Ich hab' nur etwas dagegen, die Privatversicherung sozusagen zum Lebensretter der Alterssicherung zu machen. Das ist sie nicht für Arbeitslose, die haben kein Geld, das ist sie nicht für Geringverdienende, das ist sie nicht für Kranke, das ist sie nicht für Erwerbsunfähige, und für die brauchen wir unsere gute, alte Rentenversicherung - und die lass' ich mir von niemandem, noch nicht einmal heut' abend, kaputt machen [lacht].
Be: Und dies ist ein brillantes, ausgleichendes, fast harmonisches Schlusswort. Herr Doktor Blüm, ich bedanke mich für das Gespräch, ich bedanke mich für den Besuch, und ich merke, Sie sind mit viel Adrenalin unterwegs, um sich zu wehren gegen all die Vorwürfe, die da auf Sie niederprallen im Moment. Und das wollt' ich als nächstes, was für freie Radikale setzen sich da gerade in Gang... [zu Ruge] das sind ja alles kleine Stressboten...
Ru: [...]
Be: Abmoderation, Ankündigung der nächsten Sendung.
[Transkription: Fabian Helms, 12. April 2006]
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